Mal angenommen, es wäre anders gekommen. Ich, beispielsweise, wäre Bäcker und du Smutje. Ich Professor, du Künstler, du der Autor und ich dein Leser. Welche Rollen hätten wir haben können, anstelle von denen, die wir für unsere Identität halten? Und können wir uns den Rollen widersetzen, in die uns das Leben zu zwingen scheint?

In seinem Debütroman Der Rest der Nacht stellt Martin Becker diese Fragen nicht einfach nur, er spielt eine Philosophie als konkretes Ereignis durch. Der 1982 geborene Autor und Literaturkritiker erfindet einen Protagonisten, der sich einer erzwungenen Rolle entziehen will. Der, als sein Vater stirbt, nicht Hinterbliebener sein will, der aber auch nicht derjenige bleiben kann, der er vorher war.

Giftmischung und Pflaumenwein

In einem formal sorgfältig komponierten Erzählmosaik beschreibt Becker, wie eine Identität auf einen Schlag zusammenfällt, wie ein Mensch an der ihm auferlegten Rolle scheitert – und am Tod eines Menschen den  Verstand verliert. Auf rund 200 Seiten lässt Becker dabei zwei Geschichten parallel laufen und zaubert aus dem Rollenspiel einer einzigen Figur nach und nach ein ganzes Kabinett menschlicher Stereotypen.  

Die erste Geschichte ist die einer Nacht. Ein launiger Kommentator hält uns darin mit regelmäßigen Zwischenmeldungen – gegen fünf, gegen Mitternacht, im Morgengrauen – über den Stand der Dinge auf dem Laufenden: darüber, wie ein Sohn in der Wartehalle des Krankenhauses das Sterben des eigenen Vaters erlebt.
Die zweite Geschichte ist ein Rollenspiel. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters lässt Becker den Protagonisten in die Stadt seiner Kindheit heimkehren. Nicht nur allerdings, um den väterlichen Nachlass zu regeln. Er verfolgt zudem einen absurden Plan: Um auch die letzte Spur seiner alten Identität zu vernichten, will er mit Giftmischung und Pflaumenwein eine gedächtnisschwache alte Frau umbringen. 

Kabinett der Verlierer

Im Blick des Verrückten, der seine Geschichte selbst erzählt, präsentiert sich der Ort des Geschehens als Geisterstadt. Sie ist nicht mehr als ihre verfallenden Häuser, die aus allen Ecken kriechenden Kindheitsängste und die Begegnung mit den morbid-sympathischen Charakteren, die in ihr wohnen. Da ist der strickende Hotel-Portier. Da ist Maria, die Frau mit den traurigen Augen, und Rottweiler, der einsame Dorfpolizist. Sie sind alle Verlierer oder werden zu solchen, und sie alle träumen von den Leben, die sie hätten haben können.

Derweil beginnt Beckers Protagonist wie ein kleinstädtischer Münchhausen von einer Identität in die nächste zu springen: "Ich bin der besorgte Nachbar, ich besuche gern die Gottesdienste und spende einen großen Teil meines Vermögens für die Bedürftigen." Ich bin der Heizungsmonteur. "Ich habe mich an den Blaumann gewöhnt, eigentlich wollte ich Kaufmann werden." Ich bin der Feuerwehrmann. "Ich habe recht fleissig trainiert, schon als Kind (…), habe Feuerwehrbücher gelesen und Schulmäppchen in roten Farben benutzt." Ich bin der Postbote. Ich bin der Versicherungsangestellte. Ich bin verliebt.