Michail Chodorkowski hat eine besondere Fähigkeit: Wenn er einen Raum mit deutschen Journalisten betreten will, bildet sich um ihn herum sofort eine Menschentraube, die so dicht ist, dass er sich nicht mehr bewegen kann und eine Weile auf der Türschwelle ausharren muss, lächelnd, nickend. Wäre Chodorkowski ein X-Man, wäre das die sinnloseste Superpower von allen.

Donnerstagabend hat Chodorkowski in Berlin sein neues Buch vorgestellt, im Literaturhaus in der Fasanenstraße, im alten West-Berlin, zu dem jetzt wieder alle "neues West-Berlin" sagen, weil hier das Geld sitzt und Berlin gerade wieder einmal interessiert ausprobiert, wie das wohl funktioniert: wohlhabend und Spaß dabei.

Die Welt hat keine Mailbox

Ein Buch also. Wieso schreiben Technokraten eigentlich immer ein Buch, wenn sie Macht und Einfluss verloren haben? Vor ein paar Tagen Wulff, jetzt Chodorkowski. Versuchen wir es mal. Im schlimmsten Falle: Weil sie aus irgendeinem Grund glauben, in Büchern sei Jammern erlaubt (Wulff). Im besten Falle: Weil sie mit der Welt mal ein ernstes Wörtchen zu reden haben und die Welt, anders als Kai Diekmann, keine Mailbox hat (Chodorkowski). Literatur ist ja letztlich wirklich in erster Linie ein langer Beschwerdebrief an die Welt. Ist das eigentlich dein Ernst, Welt? Der Rubikon ist überschritten.  

Chodorkowski wirkt sehr viel angegriffener, als Fernsehbilder das von ihm vermitteln. Zehn Jahre russischen Knast in den Knochen. Viel gedrungener, als man denken würde, viel gedrungener auch als seine Prosa. Die rahmenlose Brille, die scharfen Lippen, dieses duldsame Zeitlupenlächeln, die blitzschnellen Augen. Sein X-Man-Spitzname: die Eidechse.  

Er ist fein rasiert wie ein Milliardär, trägt aber eine gestreifte Krawatte zu einem karierten Hemd. Als würde er das mit dem Krawattentragen heute zum ersten Mal probieren. Vielleicht ein Ablenkungsmanöver. Oder aber er entwickelt sich jetzt tatsächlich zu einem echten vergeistigten russischen Genie und zieht bald wieder bei seinen Eltern ein, wie der bettelarme Petersburger Mathematiker Grigori Perelman, der kürzlich erst die Poincaré-Vermutung bewiesen und dann die eine Million Dollar Preisgeld nicht abgeholt hat.

Besondere Verhaltensweisen Chodorkowskis: Wenn er einen Witz macht, hört er auf sehr verwirrende Weise in genau dem Moment auf zu lächeln, wenn der Satz zu Ende ist. Und: Wenn er sich langweilt, weil Ulrich Noethen die deutsche Übersetzung seiner Kurzgeschichten liest, tendiert der Gesichtsausdruck entschieden ins Finstere.

Gerissen, talentiert, reich

In seinem großen Russland-Thriller Limonow nennt der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère drei Namen, die nach dem Ende der Sowjetunion in wenigen Monaten zu Königen des Erdöls wurden, drei "kleine Schlitzohren", drei "kleine Schweinchen": Beresowski, Gussinski und Chodorkowski: "Sie waren junge, intelligente Männer voller Energie und nicht per se für den Betrug prädestiniert, aber sie waren in einer Welt aufgewachsen, in der es verboten war, Geschäfte zu machen, während sie doch genau dazu begabt waren: Und nun sagte man ihnen von einem Tag auf den anderen: 'Ihr könnt loslegen.' Ohne Spielregeln, ohne Gesetze, ohne Bankensystem, ohne Steuerwesen."

Am Ende dieser wilden Jahre sitzt Michail Chodorkowski, der gerissenste, talentierteste, reichste, ambitionierteste Oligarch des großen russischen Reiches in einer Zelle in Krasnokamensk im Dreiländereck Russland, China, Mongolei. In Sibirien. In der Nähe einer Uran-Mine. Und sieht zu, wie sein Konzern Yukos verstaatlicht wird. Weil er sich mit der falschen Clique angelegt hatte. Weil er Putin unterschätzt hatte. Großer Fehler.  

Es folgen: eine Messerattacke durch einen anderen Häftling, ein Hungerstreik, der unaufhaltsame Aufstieg in der Knast-Hierarchie. Einmal rettet er einem Mithäftling das Leben, als der sich erhängen möchte. Kurz vor den Winterspielen in Sotschi fühlt sich Putin sicher genug, um Chodorkowski zu begnadigen. Ein Geschenk an den Westen, eine komplett herablassende Geste. Und jetzt, im Sommer 2014, sitzt Chodorkowski in einem West-Berliner Literaturhaus und sagt Vito-Corleone-Sätze wie: "Damals erlaubten es die Gesetze nicht, die Probleme legal zu lösen. Ich war gezwungen, mir Hilfe bei anderen Menschen zu suchen."