Phillippa Yaa de Villiers hat sich nach ihrem dritten und letzten Bühnenauftritt einen Schattenplatz im Garten der Akademie der Künste gesucht. Zurückgelehnt und mit dem Blick nach oben zählt sie Dinge auf, die sie mag. Den Baum zum Beispiel, unter dem sie sitzt. Frisbeescheiben ("weil sie Menschen dazu bewegen, wild herum zu rennen"). Und besonders, natürlich: Wörter. "Weil Sprache der beste Weg ist, Kreativität auszudrücken. Allein schon, weil jeder sie nutzt." So gesehen, findet die südafrikanische Dichterin und Schauspielerin, sei jeder Lastwagenfahrer ein Poet.

De Villiers ist eine von 149 Lyrikerinnen und Lyrikern, die zum Poesiefestival nach Berlin gereist sind. 1966 wurde sie in Johannesburg geboren, wuchs als schwarzes Kind in einer weißen Adoptivfamilie im Apartheidregime auf. Dass ihr Vater Ghanaer und ihre Mutter Australierin ist, wurde ihr verschwiegen, bis sie 20 Jahre alt war. Heute sagt sie: "Ich bin eine Flüchtige aus dem weißen Vorort." Und: "Ich war gleichermaßen unterdrückt und frei. Als würden Kolonisierte und Kolonisatorin sich in meinem Kopf bekriegen."

Das fortwährende Ringen um Identität, Herkunft, Rasse und Gerechtigkeit ist das Kernthema ihrer Texte. In ihnen setzt die 48-Jährige sich mit ihrem persönlichen Trauma genauso auseinander wie mit dem Trauma ihres Heimatlandes. Sie schreibt über Weiblichkeit, Widerstand und über den satirischen Disput, den sie mit ihrer Muse ausficht.

Sag ich zu meiner Muse: Du hängst immer nur hier rum.
Sie liegt im Bett und liest Gedichte. Sag ich:
Andere Musen müssen meilenweit Wasser schleppen.

Sie bittet mich darum, ihr einen Tee zu kochen.
Von der Küche aus ruf ich ihr zu: Darf´s vielleicht noch ein Keks dazu sein?
Nicht nötig, sagt sie. Sie ist nicht gierig oder so und beteuert

mindestens zwei Mal am Tag, dass sie mich liebt. Aber irgendwie
denk ich trotzdem, dass sie mich ausnutzt (…)

(Übersetzt von Odile Kennel) 

Mandela in der Westminster Abbey

Zwei Lyrikbände hat de Villiers veröffentlicht, für den zweiten, The Everyday Wife, bekam sie 2011 den South African Literary Award. Sie hat Texte für das Fernsehen geschrieben, in Johannesburg Straßentheater gespielt, und macht jetzt gerade einen Master im kreativen Schreiben. Als Commonwealth Poetin 2014 trug sie im März ihr Gedicht Courage vor den Royals in der Westminster Abbey vor. 

Das mag von außen betrachtet eine hohe Auszeichnung sein. Für de Villiers war es ein klassischer Rollenkonflikt. Oder, wie sie selbst sagt: "Eine total schizophrene Erfahrung. Die eine Hälfte meiner Freunde fand es großartig. Die andere ziemlich uncool. Als ich meinem leiblichen Vater von meiner Nominierung erzählte, fühlte ich mich wie eine Betrügerin. Sie wissen schon, die Queen, der Kolonialismus… Ich überlegte abzulehnen, aber mal ehrlich: Wen hätte das interessiert!"

Es gibt ein YouTube-Video, das die Dichterin am Tag ihres großen Auftrittes zeigt. In weiter, blauer Robe steht sie im Kirchengang, und spricht nicht ganz so fest, wie man es von ihr kennt. Aus dem Auftragsgedicht über Nelson Mandela hat sie ein Gedicht über die Bürgerrechtler hinter ihm gemacht: "Motho ke motho ke batho babang" ("Eine Person ist nichts ohne die Anderen"). "Kein Mandela ohne einen Mbeki Sisulu Dadoo kein Biko ohne einen Ngoyi einen Sobukwe einen Goldberg." Nach knapp drei Minuten Vortrag streckt die kleine Frau in der großen Kirche energisch die rechte Faust in die Luft. Die Reaktion von Queen Elisabeth II. bleibt ungefilmt.