Ganz am Ende, als die Spielsteine des gezeichneten Scrabblefelds im Hof in heillosem Durcheinander liegen, als die Sonne noch einmal herauskommt und die bloßen Beine der Herumliegenden kaum noch wärmt, als die Toiletten schon aussehen, als wären sie nächtelang von verirrten Elektroclubgängern genutzt worden, macht ein Moderator auf der Bühne einen Witz. Man habe sich darauf geeinigt, neben den beiden Preisen des Prosanova Literaturfestivals noch einen weiteren, geheimen Preis zu vergeben, und zwar für das beste Pausengespräch. Es sei bekanntlich so, dass viele dächten, im Literaturbetrieb unterhalte man sich nur über den Literaturbetrieb, über die nächsten Stationen, die Vermarktung des eigenen Romans. Den Preis bekämen daher Besucher und Teilnehmer, die sich auf kluge Weise über dezidiert politische Themen unterhalten würden.

Mehrere Hundert Besucher waren zur vierten Prosanova nach Hildesheim gekommen, in eine ehemalige Hauptschule. Die Prosanova ist das größte Festival für das, was man so "junge deutschsprachige Literatur" nennt. Wobei man sich fragen kann, was genau damit gemeint ist, wo dieses "jung" anfängt, wo es aufhört und ob das nicht eigentlich etwas ganz Schreckliches ist, junge deutschsprachige Literatur, etwas, das sich vom Mastfutter der Subventionen nährt anstatt vom  Feueratem der Welt. Manchmal fallen dann Wörter: Streichelzoo. Elfenbeinturm. Blase

Man wird dann etwas ratlos und vielleicht sogar melancholisch, weil man sich natürlich wünscht, dass die Literatur hierzulande irgendwie radikaler, realitätsgesättigter und politischer werde, dass es mehr "migrantische" Stimmen gebe. Und es schwingt auch immer ein Tonfall narzisstischer Enttäuschung derjenigen mit, die selbst vielleicht keine Bücher schreiben und sich wünschen, dass diejenigen, die sich für ein solches Leben entschieden haben, uns anderen wenigstens eine Form von bohemehafter Abenteuerlichkeit vorleben sollten, keine päppelnden Schreibschulen, keine Künstlerstipendien mit Blick aufs Meer in Los Angeles, sondern eher kettenrauchendes Ringen um Sprache in irgendwelchen imaginierten Dachkammern ohne Heizung.

Eine freundliche Gewitterwolke

In Hildesheim, Sitz der zweiten großen Schreibschule in Deutschland, stellte man sich diese Fragen auf dem Festival nicht. Was auch daran lag, dass die Vorbereitung ein ganzes Jahr lang gedauert hat und es während solcher Großveranstaltungen immer schwer ist, Debatten aufzugreifen, die fünf Monate zuvor ausgebrochen sind. Die jüngste Schreibschulenelitendebatte hing eher als eine Art freundliche Gewitterwolke über dem Programm, die sich immer mal wieder in wohlmeinenden Running Gags entlud. Der Theaterautor Paul Brodowsky, selbst aus der Hildesheimer Autorenschmiede, erzählt beim Breakfast Club, dem allmorgendlichen, katerfreundlich um elf Uhr beginnenden Podiumsplaudern, er komme gerade von einem Literaturfestival in China. Dort gebe es eine hochaktuelle Diskussion um Kinder von Parteikadern, die Prosa machen.

Hildesheim strotzt vor Selbstbewusstsein. Es hat dem deutschen Literaturinstitut in Leipzig den Ruf des etwas rebellischeren, angekratzten, dynamischeren voraus. Die Prosanova findet alle drei Jahre statt, weswegen die Veranstalter jede Menge Zeit haben, ein wundervolles Programm, eine wundervolle Atmosphäre zu erschaffen. Die Gänge der Hauptschule waren mit origamiartigen Figuren aus bedrucktem Papier beklebt, und zumindest am Freitag, als die heiße Sonne in den Schulhof der gerade im Umbau befindlichen Schule brannte, konnte man sich keinen schöneren Ort vorstellen als die Spanplattenbretter vor der zentralen Hofbühne, die vielen kuscheligen Barsofas und die ausgelegten Matratzen.

Schon seit Jahren versuchen die Veranstalter der Prosanova, dem, was sich unter dem Begriff "Wasserglaslesung" zu einer Vorstellung antiquierten, hierarchischen Vorlesens verfestigt hat, mit anderen, experimentellen Formaten entgegenzuwirken. Es gab jede Menge "szenische Lesungen", zum Beispiel führte das Performancenetzwerk cobratheater.cobra einen eher introspektiven Text des in Wien lebenden Theaterautoren Ferdinand Schmalz vor, in dem es um Unfälle, Autobahnraststätten, verwundete Körper, Versicherungen und Zufallsbegegnungen ging. Warum es künstlerisch notwendig war, dass die Darsteller dazu um die Schaummatratzeninseln in der ehemaligen Turnhalle herumjoggten, erschloss sich nicht vollständig.