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Es ist vermutlich kaum möglich, nüchterner und unspektakulärer von der Liebe zu erzählen, als Gregor Sander dies in seinem jüngsten Roman tut. Ausgerechnet in einem Krankenhaus beginnt die Beziehung von Paul und Astrid: Er, der Radiomoderator, hatte einen Schwächeanfall und ist nur knapp einem Infarkt entgangen. Nun bekommt er von ihr, der Ärztin, einen Stent gesetzt. Während der Herzuntersuchung, als Astrid ihm das Kontrastmittel spritzt, fragt Paul sich heimlich, ob sie wohl sehen könnte, wenn er in sie verliebt wäre.   

Diese Szene aus Gregor Sanders Roman Was gewesen wäre mag nicht nur verdeutlichen, wie kitschfrei in diesem Buch die großen Gefühle erzählt werden. Sie bleibt auch die einzige, in der die Bedeutung des Herzens geballt auftritt: zum einen als lebenswichtiges Organ, das behandelt werden kann, zum anderen als Symbol. Das Organ ist bald wieder voll funktionstüchtig. Die Liebe aber, zeigt Sander, kann nicht immer so schnell geheilt werden.


Und so beginnt der zweite Roman des 1968 in Schwerin Geborenen denn auch mit einer anderen Liebesgeschichte. In der DDR der achtziger Jahre trifft die damals 17-jährige Astrid auf einem Sommerfest in der Provinz ihre erste große Liebe, den 19-jährigen Musiker Julius. Die Beziehung währt nur kurz, vergessen ist sie 25 Jahre später indes noch nicht. 

Paul, der neue Mann an ihrer Seite, hat Astrid eine Reise nach Budapest geschenkt. Man wohnt im berühmten Géllert Hotel, in dem es allerdings nach Astrids Urteil nicht anders aussieht "als in einem billigen All-inclusive-Hotel auf Mallorca". Ganz offensichtlich ist sie wenig begeistert von dieser Reise in ihre Ost-Vergangenheit, ganz anders als der Westler Paul. Und in gewisser Weise sind Astrids Bedenken berechtigt: Denn ausgerechnet hier hat auch gerade ihre Jugendliebe Julius Quartier genommen und ausgerechnet diesen Mann lernt Paul abends an der Bar kennen. Was als Zufall daherkommen soll, ist allerdings eine reichlich überraschungslose Konstruktion. 

Keine Überraschungen

Aber um Überraschungen geht es Gregor Sander auch nicht. Was ihn stattdessen interessiert, sind die Spuren der politischen Vergangenheit in den Biographien seiner Figuren. Wie der Autor selbst gehören seine Protagonisten zur Generation derjenigen, die beim Fall der Mauer Anfang 20 waren. Die erste Hälfte ihres Lebens haben sie in der DDR, die zweite im wiedervereinten Deutschland verbracht. In kleinen Episoden offenbart Gregor Sander, wie sich die Vergangenheit in diese Leben nach dem Ende der DDR eingeschrieben hat und wie sie bis heute, gerade im vermeintlich Alltäglichen, darin fortwirkt.  

In jedem Kapitel fließen wie nebenbei vergangene Ereignisse ein. Mal werden Perspektiven gewechselt, mal erinnert Astrid sich an den Tag des Sommerfestes oder an die erste Nachwende-Begegnung mit ihrer ehemals besten Freundin in Hamburg. Auf diese Weise vervollständigen sich Stück für Stück die Biographien der Figuren. Diese vom Sozialismus bestimmten Lebensläufe sind widersprüchlicher und differenzierter, als es der gängigen Vorstellung entspricht.