Der zweite Lesetag im Klagenfurter ORF-Theater hatte gerade erst begonnen, da lag gleich in mehrfacher Hinsicht etwas in der Luft, auf das man als Zuhörer und Zuseher schon am Vortag und im Vorjahr und im Vorvorjahr sehnsuchtsvoll gewartet hatte: Zoff.

Es lässt sich alles Mögliche über die Bachmannpreis-Jury sagen, zumeist Gutes; über die geschliffene intellektuelle und rhetorische Brillanz eines Hubert Winkels, über die scharfkantigen analytischen Fähigkeiten einer Daniela Strigl, über die windungsreiche Freundlichkeit einer Hildegard Keller oder über das anekdotenreiche Parlando des Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen. Was man über diese Jury aber bedauerlicherweise nicht sagen kann: dass sie gerne stritte. Auch dann nicht, wenn es dringend nötig wäre. Vielleicht kennt man sich zu gut oder schätzt sich zu sehr, beides ehrenwert, für den Zuschauer manchmal aber auch etwas dröge.

Es gibt einen Neuzugang in diesem Jahr: Arno Dusini, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien. Arno Dusini ist offenbar dazu da, für ein wenig Ärger zu sorgen, und das ist gut so, auch wenn man noch nicht ganz verstanden hat, wozu Arno Dusini sonst noch da ist. In Streit um Asterix gibt es die von Julius Cäsar in das gallische Dorf eingeschmuggelte Figur des Tullius Destructivus, der für Zwietracht sorgen soll. Wenn der redet, sind seine Sprechblasen stets grün gefärbt. Auch Herr Herr Dusini hat ein Talent zum Grünblasigen. Er wollte Herrn Winkels dazwischen reden. Das geht nicht. Sagte Herr Winkels. "Dann gehe ich", sagte er noch und durfte ausreden und bleiben. Prächtig.

Der Disput hatte allerdings auch einen Grund: die Literatur. Genauer gesagt, das zweite bemerkenswerte Ereignis in diesem bislang nicht enttäuschenden, aber doch braven Wettbewerb: Anne-Kathrin Heier las einen Text, der bewusst und konsequent aus allem herausfiel, was man 2014 in Klagenfurt geboten bekam, zuvor und auch danach. Die 1977 geborene Schriftstellerin, die zur Zeit an ihrem ersten Roman arbeitet, eingeladen von Burkhard Spinnen, ist in ihrem Text Ichthys tatsächlich gelungen, sämtliche Ordnungskategorien aufzulösen, gesellschaftlich wie sprachlich – diese Auflösung aber wiederum in einem Text nachzuvollziehen.

Größeres Risiko, höhere Reibung

Wir wissen nicht, wer da spricht, möglicherweise, wie es einmal angedeutet wird, ist es die Stadt Berlin selbst in ihrer Ausdehnung, Maßlosigkeit, Kaputtheit und Beschränktheit; möglicherweise ist es ein auch ein beschädigtes Ich, das gar nicht mehr weiß, was es heißt, "Ich" zu sagen und das erst wieder lernen muss; eine Figur, die sich durch unsere Gegenwart spülen lässt, mit offenen Augen und überscharf gestelltem Geist.

Heiers Text ist nicht nur latent größenwahnsinnig, weil er sich alles erlaubt, auch das Scheitern an verstiegenen Bildern und hochtönenden Metaphern. Das ist ein Risiko, das in Kauf genommen wird, weil dadurch Sätze entstehen, wie man sie in Klagenfurt 2014 höchstwahrscheinlich nur einmal hören wird: "Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern." Das ist gut.

Oder: "Ich glaube, eine verflossene Liebe bin ich nie gewesen, nicht anfällig für Religionen, zu denen auch die Entscheidung für eine ewig haltbare Zirkusnummer zweier Akrobaten gehört. Sie stellen sich in die Manege und rasten ineinander ein. Dabei verdehnt sich jeder von ihnen unnatürlich." Das ist sehr gut. Aber eben auch: "Mit Lichtern der Taxis und baumelnden Existenzen, die in erhitztem Alkohol die gummierten Ganzkörperanzüge des Tages ertränken, bis sie sich auflösen und schließlich in Bläschen verkapselt aufs Gulliloch zugleiten."

So steht das da als Satz, und das ist weniger gut, aber eben der Kollateralschaden eines literarischen Wagnisses, das, so steht es zu befürchten, am Ende ganz und gar ohne Preis bleiben wird. Ausgerechnet die sonst ganz liebe Frau Keller sprach Heiers Text schlichtweg den Literaturstatus ab. Aber immerhin deutete sich ein Mechanismus an: Größeres Risiko auf der Autorenseite erzeugt hohe Reibungen in der Jury. Bitte weiterstreiten.