Der Bachmannpreis hat ein Problem – ein Luxusproblem. Die sieben Juroren müssen am Sonntagvormittag in Klagenfurt insgesamt ganze vier Preise vergeben. Hinzu kommt der im Internet zu vergebende Publikumspreis

Aber nachdem inzwischen sämtliche dreizehn Autoren gelesen haben, fragt man sich: Wer, um Himmels Willen, soll all diese Auszeichnungen bekommen? Nicht, dass keiner der Autoren preiswürdig wäre. Doch der Klagenfurter Normalfall ist eben doch der, dass sich Kritiker, Besucher, Verleger, Lektoren und Groupies vor Ort recht früh darüber einig sind, wer der Favorit oder die Favoritin auf den Bachmannpreis ist. Und der oder die ist letztlich auch oft der Preisträger. Dieses Jahr ist das anders. 

Es ist – um zu letzten Mal die Fußballmetapher zu bemühen – als würde man mit elf technisch begabten Mittelfeldspielern antreten: Sieht alles ganz gefällig aus, tut nicht weh. Aber wer soll den Ball ins Tor schießen?

Vielleicht hat tatsächlich die Österreicherin Gertraud Klemm die besten Chancen. Und das, obwohl sie für den sonst so preisfeindlichen Donnerstagvormittag gelost wurde. Ihr Wettbewerbsbeitrag Ujjayi erhielt von der Jury beinahe uneingeschränktes Lob. Gut möglich, dass Klemms sehr österreichische Suada, die tatsächlich auf recht hinterhältige und geschickte Weise die sozialen Fundamente (Familie, Mutterschaft und das Funktionieren darin) torpediert, am Ende den Sieg davonträgt. 

Immer gern gesehen: Komisch, gut klingend und daneben

Der Lesesamstag, auch das wollte der Zufall der Auslosung, bot noch einmal einen recht repräsentativen Querschnitt dessen, was hier eben regelmäßig vorgelesen wird: Katharina Gerickes stark rhythmisierte Großstadtoperette war unfassbar ostberlinerisch und wurde bereitwillig mit Attributen wie "warm", "melancholisch" und "menschenfreundlich" bedacht (nur Arno Dusini wollte naturgemäß nicht mitmachen). Danach kam mit Tex Rubinowitz der obligatorische sympathische Schluffi auf die Bühne, der seinen Schluffi-Text "ganz scheußlich" (Burkhard Spinnen) oder auch "kongenial" (Daniela Strigl) vorlas – jedenfalls so, als würde der Autor selbst ihn gerade zum ersten Mal sehen.

Texte wie Wir waren niemals hier erfreuen sich in Klagenfurt stets großer Sympathie, weil sie komisch sind, gut klingen und nur bei genauerem Hinsehen deutlich wird, dass sie nur gut klingen und doch wimmeln von Sätzen wie: "Als ich sie mal fragte, was sie denn so vorhabe, was sie plane, zuckte sie nur mit den Schultern, wie eine Schlange, die kurz davor steht, sich zu häuten, auch wenn Schlangen nicht direkt Schultern haben."

Rubinowitz ist erster Anwärter auf den Publikumspreis. Vielleicht gewinnt er sogar noch eine weitere Auszeichnung, denn in der Jurydiskussion kam er gut weg. Nach der anschließenden Lesung des Wieners Georg Petz hätte man sich allerdings noch eine Dreifachdosis Rubinowitz gewünscht, um die schwüle, metaphernschwere, bedeutungsschwangere und raunende Stilblütenprosa wegzuspülen, mit der der Wettbewerb beendet wurde. Normandie, Krieg, Deutschland, Frankreich, eine harte Konkurrenz zwischen zwei Männern und dann auch noch Miesmuscheln in Sturmbannführerschwarz. Fehlen noch Algen in Torpedogrün und Felsen in Feldwebelgrau. Die Wale sind bei Georg Petz im Übrigen stahlblau.

Am Sonntag um elf Uhr werden die Preise ihre Abnehmer finden. Und der Bachmannpreis wird auch im kommenden Jahr vergeben, wie der Klagenfurter Bürgermeister auf seinem Abendempfang verkündete. Das war ein schöner Abend, der See getaucht in das Atombombenrot der untergehenden Sonne.