In ihren Romanen Ein Mann von der Straße und Fang an zu leben hat Gordimer auf diese reagiert, indem sie südafrikanische Politik immer unwichtiger werden ließ. Zuerst ging es noch um die Liebe einer höheren Tochter zu einem Mann aus Zimbabwe, dann war es der Krebs, der Fang an zu leben bestimmte. Aus den im Hintergrund immer auch politischen Büchern der Literaturnobelpreisträgerin wurden mehr und mehr human-interest-Geschichten. Parallel dazu engagierte sich Gordimer zunehmend gegen das südafrikanische Gesellschaftsproblem Aids.

In Keine Zeit wie diese sieht die Situation wieder anders aus. Liebe ist darin ein verblichener Aufreger. Auch wenn Steve Jabulile einmal betrügt: die Betrogene erfährt nichts davon und die Sache verläuft im Sande. Jabu und Steve gehören zusammen, da besteht kein Zweifel, allmählich weniger leidenschaftlich, aber doch mehr als das "normale Leben", das sie jetzt führen, erwarten lässt.

Es dauert eine Weile, bis das Thema des Buchs erkennbar wird, es ist das alte: Südafrika. Die politischen Fragen haben sich nicht erledigt. Der einst revolutionäre ANC, der noch heute die politische Klasse stellt, hat sich in den Strukturen der Macht immer schamloser eingenistet – an ihrer Spitze der aktuelle Staatspräsident Jacob Zuma, in allerhand Waffengeschäfte verwickelt. Doch Zuma war einst auch Geheimdienstchef des ANC und als solcher mitverantwortlich für die Waffenbeschaffung im Untergrund.  

Damals fragte keiner nach der Herkunft der Gewehre. War da der Kampf nicht nur Mittel zum Zweck? Galten nicht andere Gesetze? Solche Fragen wendet Nadine Gordimer. Manchmal wird viel gesprochen und gedacht. Und doch entkommt sie auch in diesem Alterswerk über weite Strecken der Lähmungsgefahr des Thesenromans, weil Gordimer nicht anwaltschaftlich, sondern immer in eigener Sache schreibt. Die Fragen, die sich die Figuren stellen, sind auch ihre.

Was bleibt? Die selbstbeweihräuchernden Lügen seitens der Regierung, die über die Fortschritte des Landes im Umlauf sind, zermürben Steve, der sich einst für Verbesserungen eingesetzt hat. Schließlich bewirbt er sich für eine Auswanderung nach Australien – und erhält die Erlaubnis. Auch wenn ein Freund dem Paar am Schluss entgegen hält: "Ich bleibe" – die Kinder der Revolution verlassen das Land.

Das ist Nadine Gordimer nicht mehr geschehen. Sie ist am vergangenen Sonntag im Alter von 90 Jahren verstorben.