Der Deutsche Buchpreis hat jedes Jahr die Chance, neu definiert zu werden. Dabei hängt alles von der Jury ab. Es hat im Lauf der Zeit Entscheidungen gegeben, die eindeutig ästhetischen Kriterien folgten und Literatur als eine Form der Kunst ansahen (Kathrin Schmidt, Terezia Mora), in anderen Jahren hatte das Kriterium der Verkäuflichkeit erkennbar oberste Priorität. Aber gerade da kann man sich leicht täuschen. Die jeweilige Buchpreis-Jury ist immer danach zu messen, wie sie die eine große Herausforderung besteht: zwischen literaturkritischen Maßstäben und Prognosen über Bestsellertauglichkeit den richtigen Weg zu finden. 

Deshalb werden jedes Jahr die Karten neu gelesen. Und natürlich kann es im Grunde nur um eines gehen, alles andere wäre bloßer Opportunismus und Betriebswirtschaft: nämlich einem literarisch ernstzunehmenden, sich ästhetisch auf der Höhe der Zeit bewegenden Roman ein großes Publikum zu verschaffen. 

 

Wenn man sich die Shortlist des Jahres 2014 anschaut, kann man in dieser Hinsicht ganz zufrieden sein. Denn der absolut herausragende Roman des Jahres, Lutz Seilers Kruso, ist darauf vertreten. Die Jury hat also nichts grundsätzlich falsch gemacht. Auch andere Titel auf der Liste können sich durchaus sehen und lesen lassen. Thomas Hettches Pfaueninsel ist ein handwerklich perfekt verfertigtes Kleinod, in einer eleganten, die Atmosphäre eines versunkenen und erträumten Preußen einfangenden Sprache. Wer will, kann mit Seiler und Hettche zwei unterschiedliche ästhetische Prinzipien gegeneinandersetzen und die eigenen Kriterien daran schärfen: Hettches raffinierte, diskursgewandte und anspielungsreiche, genau abgezirkelte kleine Form gegen Seilers poetisch-existenziellen Weltentwurf, in dem am Beispiel der DDR-Insel Hiddensee im Sommer 1989 Fragen der Freiheit, der Freundschaft und der menschlichen Beziehungen aufgeworfen werden. Angelika Klüssendorfs April ist seiner äußerst reduzierten, aber dadurch umso facettenreicheren Sprache ebenfalls ein literarisches Schwergewicht. Und Thomas Melle stellt sich in 3000 Euro mit hohem Risiko der unmittelbaren Gegenwart, den sozialen Verwerfungen, den Desillusionierungen der in die Wohlstandsverwahrlosung hineinwachsenden Generation. Auch dies setzt in dieser Shortlist einen notwendigen Akzent.  

Gertrud Leuteneggers Panischer Frühling ist ein schönes, differenziert gearbeitetes Stück Prosa, sensibel und lyrisch, das aber wegen des vergleichsweise eher schmalen Blickwinkels wohl nicht in der allerersten Reihe stehen wird. Und Heinrich Steinfest stellt mit seinem Allesforscher den anscheinend unverzichtbaren Quotenpopulisten dar. Schon wie er sich am Anfang ranschmeißerisch direkt ans Publikum wendet, suggeriert großes Lesefutter.

Wird der Favorit nun seziert?

Das könnte natürlich im Ernstfall auch der kleinste gemeinsame Nenner sein. Denn selten gab es einen solch starken Favoriten wie in diesem Jahr mit Lutz Seiler – und das kann auch kontraproduktiv wirken. Es ist zu erwarten, dass nach den ersten furiosen Artikeln über Kruso sich andere Kritiker zu Wort melden, die aus strategischen Erwägungen heraus an Seilers Roman herummäkeln, etwa in der Art, dass er stark überschätzt werde und seine Versprechungen nicht einlöse. Auch in der Buchpreis-Jury kann eine unerwartete Dynamik eintreten, die sich gegen einen vermeintlichen Druck der Öffentlichkeit wehrt und Eigensinn beansprucht. Seilers Roman hat zwar eine spannende Handlung und eine dichte, fesselnde Sprache – aber ob er mit seinen doppelten Böden nicht doch zu schwierig und abschreckend sei, wird der eine oder andere Leserforscher bestimmt noch zu bedenken geben. Im Jahr 2010 entschied sich die Jury zum Beispiel nicht für Thomas Lehrs furiosen Roman September. Fata Morgana, der literarisch auf jeden Fall Bestand hat, sondern für Melinda Nadj Abonjis weitaus anspruchsloseres Tauben fliegen auf, von dem man im Grunde schon wusste, dass es Saisonware bleiben würde.

Wie die Jurys im konkreten Fall operieren, ist im Vorfeld schwer zu berechnen. Der Börsenverein verlässt sich aus nachvollziehbaren Gründen darauf, dass die Buchhändler in der Jury ein sicheres Gespür dafür haben, was "draußen" ankommt. Tückischerweise waren es in den letzten Jahren, wie man hört, einige Male gerade die Buchhändler, die literarisch avancierte Titel bevorzugten – Journalisten scheinen oft viel anfälliger für Quotenargumente und pauschale "Leserfreundlichkeit" zu sein.