"Auch ich beklage den Tod von García Márquez. Sein Name wird weiterleben wie eine Marke tropischer Früchte aus der Dose." Mit diesem Tweet hat die argentinische Literaturkritikerin Beatriz Sarlo ihre Trauer über den Tod des Nobelpreisträgers im April zum Ausdruck gebracht. Ganz und gar nicht süß, dieser Nachgeschmack. Dass eine ausgewiesene Kennerin der lateinamerikanischen Literaturlandschaft so bitter über den Vater der Literatur des Subkontinents spricht, ist allerdings kein Zufall. Der Ruhm von Gabriel García Márquez lastet schwer auf den Nachgeborenen. Wie ein zeitloser Schatten trübt sein anhaltender weltweiter Erfolg die Sicht auf Neues. Die jungen Schriftsteller sind die ewigen Vergleiche leid; heute will keiner mehr so schreiben wie der große Gabo.

Im Ausland hingegen ist man nach wie vor begeistert: In den sechziger Jahren bemerkt man in Europa erstmals die kulturschaffende Kraft eines Kontinents, der in vielen Köpfen noch als Schauplatz korrupter Bananenrepubliken existierte. Literatur aus Lateinamerika wird zum Exportschlager – Bestsellerlisten, eine Flut an Übersetzungen, Buchmessenschwerpunkte sowie die Vergabe renommierter internationaler Preise zeugen dafür, dass ein regelrechter Kult entsteht.

Der Schriftstellergeneration von García Márquez haben wir die Bilder von abgelegenen Dörfern zu verdanken, in denen sich verschlafene Geister unter die Bewohner mischen, jahrelange Epidemien der Vergesslichkeit ausbrechen und Menschen mit Schweineschwänzen geboren werden.

Diese ungekannte Schreibweise, die leichtfüßig archaische und moderne Elemente miteinander verbindet, erhält in Europa gar ein eigenes Etikett: Der Magische Realismus wird zum Synonym für eine lateinamerikanische Weltsicht. Wie selbstverständlich passieren darin wunderbare Dinge, die genau den Nerv europäischer Post-68er-Sehnsüchte treffen. Auch faktisch ist es wie ein Zauber: Lateinamerika verlässt die Unsichtbarkeit und feiert seine weltliterarische Sternstunde.

Doch was ist geschehen seit der Phase des Booms? Was ist aus dem Faszinosum eines Subkontinents geworden, dessen revolutionäres Lodern in den siebziger Jahren solidarische Projektionsfantasien einer gesamten europäischen Generation auslöste? Aus dem Mythos der wunderbaren Welten, in denen sich Realität und Fiktion so glaubwürdig vermischen? Der Zauber der sozialistischen Utopien entlockt Europäern wie Lateinamerikanern heute kaum mehr als ein nostalgisches Lächeln. Dennoch bleibt hierzulande das Bild eines verträumten, ländlichen Lateinamerikas mit seiner magisch-realistischen Erzählkunst hartnäckig bestehen.

Unmagische Wirklichkeiten

Gesellschaftlich hat sich in Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten vieles verändert. Revolutionäre Hoffnungen sind spätestens mit dem langfristigen Scheitern der Revolution in Nicaragua einer Resignation gewichen. Die Folgen der brutalen Militärregime in den siebziger und achtziger Jahren in verschiedenen Ländern Südamerikas spalten die Gesellschaften bis heute. Neoliberale Strukturreformen haben gegen Ende des letzten Jahrhunderts die soziale Ungleichheit bis ins Übermaß anwachsen lassen. Lateinamerika ist keineswegs mehr ein vom Weltgeschehen abgeschotteter Ort: Auf den Straßen zeigen sich tagtäglich beide Seiten der Globalisierung. Einerseits beherrschen etwa Korruption und der Krieg der Drogenkartelle den Alltag Mexikos; die Grenzstadt Ciudad Juárez weist eine der höchsten Mordraten der Welt auf. In zentralamerikanischen Ländern wie El Salvador, Honduras oder Guatemala treibt die Perspektivlosigkeit Jugendliche dazu, sich in mafiaähnlichen Banden, Maras genannt, zu organisieren, die die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen.