Es gibt einen Bindfaden, nicht weit überm Boden, zwischen Pathos und Ironie, Alltag und Utopie, Poesie und Politik. Auf diesem Faden balanciert ein Mann. Bei genauerem Hinsehen eher ein Männchen, ein Playmobil-Männchen vielleicht. Er macht das mit überraschender Leichtigkeit, aber auch großer Konzentration. Womöglich stammt seine Leichtigkeit aus der Konzentration. Oder umgekehrt, schwer zu sagen. Dieser Bindfaden ist die Post-Postmoderne. Das Männchen ist PeterLicht.

Oder anders gesagt: An kaum einem deutschsprachigen Pop-Künstler kann man so gut ablesen, wie die Spannungen der Gegenwart durch Individuum, Kunst und Gesellschaft rauschen. Seit Jahren führt PeterLicht das im Rundumschlag vor: ein Gesamtkunstwerk, zusammengetackert aus Skizzen. Licht ist Musiker, Autor, Theatermacher, Zeichner. Jetzt veröffentlicht er zeitgleich ein Live-Doppelalbum und sein zweites Buch, beides unter dem Titel Lob der Realität.

Das hat er ähnlich schon mal gemacht, 2006, als sein – nennen wir es doch ruhig – Meisterwerk Lieder vom Ende des Kapitalismus erschien, dazu ein Buch vom Ende des Kapitalismus. Das war jedoch ein Studioalbum mit neuem Material, und im Buch standen, wie man erst mal erwarten würde, recht viele Songtexte. Aha, dachte man: noch ein schreibender Sänger, der mehr dabei haben will als ein paar lustige Songs. Dann gewann PeterLicht 2007 mit einem Prosatext gleich zwei Preise beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und war sozusagen über Nachmittag in den Literaturbetrieb aufgenommen.

Rekorder - Rekorder: Peter Licht spielt "Das Ende der Beschwerde"

Ein Kabinett aus Ernst und Ironie

In seinem neuen Buch, das nächste Woche erscheint, finden sich folgerichtig kaum Songtexte, dafür über 200 Seiten Gedichte, Mini-Erzählungen, Theaterszenen, Parabeln, Märchen, Essays, alle fein durcheinander geworfen, aber mit Methode. Das Buch beginnt und endet mit programmatischen, an Klopstock und Hölderlin geschulten Hymnen an die "freie Welt": "Willkommen im heiligen Zustand ereignisloser ewiger Euphorie." Da wird eine Utopie beschworen, quasi Genesis, Urzustand vorm ersten Schöpfungstag: das Eins-Sein von Allem, von Wille und Handlung, Wort und Bedeutung, von Ich und Du in einem emphatischen Wir: "Wir relativieren nicht unsere Biographien" – "Alle da / Alle vorhanden". Unterm Strich gesagt: "Es war ein großes volles Leben".

© Blumenbar

Dieser ganz unironische Impuls trifft dann schnell auf ein surreales Geschehen. Das lyrische Ich kennt buchstäblich keine Grenzen mehr, kann durch Wände gehen, als bewege es sich in einem trashigen Science-Fiction-Film: durch "das Zimmer des Parteisekretärs / das Zimmer des Sekretärs des Parteisekretärs / das Zimmers des Zurhandgehers des Sekretärs des Parteisekretärs / das Zimmer des Zulieferers des Zurhandgehers des Sekretärs des Parteisekretärs". Diese Technik der Liste ist es hauptsächlich, die Licht immer wieder nutzt, seine Kunst der erhellenden Abschweifung spazieren zu führen. Er stellt das Disparateste nebeneinander: Poesie-Gemeinplätze, Philosophie-Pop und Trivial-Quatsch, aber auch das hohe Pathos der Kapitalismuskritik, die man, derart eingebettet, wieder ernst meinen darf.

Und all die großen Worte, die man in der Gegenwartsliteratur lieber nicht sagen sollte, beginnen zu schillern: Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe, Tod ("ach der Langweiler!"). Sie leuchten in einem schrägen, pulsierenden Licht. Sie bekommen ein Eigenleben: kleine Wort-Figuren, die sich nicht festlegen wollen auf Bierernst oder Geblödel, die hin und her hüpfen zwischen ihren Gemeintheiten, ins Tanzen gebracht vom Trickster PeterLicht.

Besser noch funktioniert diese Bilder- und Gedankenschleuder allerdings, wenn sie von Musik umgeben wird. Vermutlich weil man dann selbst Zeilen, die drei, vier Mal durchs Ernst-Ironie-Kabinett gepingpongt wurden, weil man dann jeden Berg gebrochener Stilebenen lauthals mitsingen kann. Wunder des Pop. Was das Publikum auf Lob der Realität, der Platte, ausgiebig tut. Und das sehr weit vorne im Mix, damit man den Effekt auf keinen Fall verpasst: das Publikum als Freiwilligenchor, als einen weiteren Spiegel. Und was es an weiterem Changieren auslöst, wenn mehrere Hundert Menschen Sachen singen wie: "Die Leute in unsern Köpfen sagten, ihr kriegt uns hier nicht raus". Oder um wiederum, quasi eine Anleitung, aus Lichts Buch zu zitieren: "Wir singen das Lied (…) / Und es singt sich: von selbst. / Es ist das Lied der vielen, der sehr vielen / es ist wirr und entgegengesetzt / es ist eines jeden Lied."