Paul, der Protagonist in Taipeh, dem neuen Roman des 30-jährigen amerikanischen Schriftstellers Tao Lin, hat häufig physische Weltraum-Erlebnisse. Das geht schon im zweiten Satz los: "Paul hatte aufgehört zu sprechen, und es kam ihm zunehmend so vor, als würde er weniger 'auf dem Bürgersteig gehen' als sich vielmehr 'durch das Universum bewegen'".

Der französische Philosoph Jean Baudrillard hat geschrieben, dass eine Welt, die sich in den Massenmedien spiegelt, weder ein gemeinsames Ziel noch ein kollektives Begehren kennt. Stattdessen befinde sich jeder Einzelne auf seiner eigenen Umlaufbahn. Wie Partikel, die von einer großen Explosion im Weltraum übrig geblieben sind, schwebt jeder Mensch schwerelos im Ungefähren, sucht Anschluss und Gewissheit.

Baudrillards Buch ist 1984 erschienen, also ein Jahr nach Tao Lin, der 1983 geboren wurde. Dem Philosophen ging es damals um das Ende der Moderne im Zeitalter der Massenmedien, um das Ende geschlossener Wertesysteme und absoluter Wahrheiten. In Taipeh versucht es Tao Lin mit Weltraum-Epiphanien und maximaler Ideologiefreiheit.

Allerdings wird das Ideologische hier so weit ausgelegt, dass es weit in das Faktische übergreift. Anders gesagt: Im bürgerlichen Roman sind es traditionell die authentischen Gefühle der Figuren, die ihre Handlungen, Sehnsüchte und Selbstzweifel motivieren und mit der äußeren, gesellschaftlichen Wahrheit in Konflikt geraten. Tao Lins Protagonist Paul kann sich aber nicht einmal seiner eigenen Gefühle sicher sein.

Wenn er sich in der Highschool zum Beispiel schlecht fühlt, weil er noch keine Freundin hat, nimmt er dieses Gefühl als gesellschaftlich induziert war. Die Frage lautet: Ist es wirklich Pauls eigenes Gefühl oder lebt er lediglich bekannte Verhaltensmuster nach?

Digitale Nebelwolken

In den USA war der Roman die Sensation der Saison. Die Kritiker warfen begeistert mit allerlei großen Namen um sich: Hamsun, Hemingway, Musil. Andere fokussierten sich auf die Onlineaktivität des Autors und hofften aus irgendeinem Grund, er könne ihnen endlich das Internet erklären. Und es ist ja wahr: Tao Lin unterhält im Internet einen eigenen Verlag, die Filmproduktionsfirma "MDMA Films", verschiedene Webseiten, auf denen er Literatur und Kunst verkauft, und gut gepflegte Profile in den wichtigsten sozialen Netzwerken.

Als er in diesem Frühjahr vom Times Magazine in die Liste der 100 Menschen aufgenommen wurde, die auf die Bevölkerungsgruppe zwischen 18 und 34 den größten Einfluss hat, twitterte er: "Ich bin auf einer Liste von Leuten mit Einfluss auf die einflussreichste Bevölkerungsgruppe. (Ich twittere das von meinem Bett, stoned/deprimiert um 21:02 Uhr)". Auch im Roman spielt er mit der digitalen Nebelwolke: Mitunter kann man Szenen, die in dem autobiografischen Roman ausgelassen werden, als Video auf Vimeo oder YouTube ansehen, womit eine Authentizität suggeriert wird, der man natürlich unbedingt misstrauen sollte.

Wenn man Tao Lin nun in dem 5-Sterne-Hotel in Westberlin trifft, das ihm sein deutscher Verlag freundlicherweise bezahlt hat, wirkt er in erster Linie auf gleichbleibendem Niveau amüsiert. Womit er als Person ungefähr denselben Effekt herstellt wie seine Prosa. Plötzlich wirkt alles, was man eben noch als harmlose Normalität empfunden hat, lächerlich und leicht absurd: Dieses gedämpfte, riesige Foyer, das warme Lichtdesign oder auch einfach die bloße Existenz von Interviews, der verkrampftesten Gesprächsform von allen. Da kann man ja nur lachen. Tao Lin hat angekündigt, seine Romane in Zukunft nur noch selbst zu verlegen, um solche Situationen nach Möglichkeit zu vermeiden. Jetzt muss er da aber noch einmal durch.

So ratlos wie am Anfang

Die erste Frage muss natürlich von den Drogen handeln, denn die werden im Buch praktisch unentwegt eingenommen, worauf einige Kritiker seltsam defensiv reagiert haben. Fast so, als wäre es nicht lange bekannt, dass ein Viertel der amerikanischen Studenten regelmäßig den Speed-Ersatz Adderall zu sich nimmt, um sein Pensum zu bewältigen. Und als wäre Xanax in den USA keine Alltagsdroge, als würde das Aufputschmittel Ritalin in Deutschland nicht schon Kindern verschrieben, damit sie nicht träumen, sondern aufs Gymnasium kommen.

Anders als in den Zeiten von Hunter S. Thompson und William S. Burroughs sind es heute eben nicht die poetischen Außenseiter, die ihren Gefühlshaushalt mit Chemikalien domestizieren, sondern die kommenden und gegenwärtigen Leistungsträger aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Also, Mister Tao Lin, hätte dieses Buch auch vollkommen ohne Drogen auskommen können? Lin: "Ja. Mit einer Ausnahme: Pilze. Wenn die Figuren Pilze nehmen, verhalten sie sich auf eine Weise, die ohne Pilze nicht denkbar wäre." Warum gibt es sie dann trotzdem? "Weil ich schon immer mal über Drogen schreiben wollte. Außerdem müssen die Figuren ja irgendetwas tun."

Die Provokation dieses Romans liegt nicht darin, dass alle dauernd Drogen nehmen, sondern zum Glück in seinem ästhetischen Verfahren: Es gibt weder einen nennenswerten Plot noch einen Spannungsbogen, und auch die Figuren entwickeln sich eher wellenförmig und sind am Ende wieder genauso ratlos wie am Anfang: Paul ist ein junger Schriftsteller in New York, der am Anfang des Romans eine Beziehung auflöst und in der Mitte eine neue eingeht. Währenddessen ist er viel unterwegs, gibt Lesungen, diskutiert auf Podien und besucht zwei Mal seine Eltern in Taipeh.