Die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt erhält in diesem Jahr der französische Schriftsteller Patrick Modiano, wie das Nobelkomitee der Königlich-Schwedischen Akademie der Künste in Stockholm bekannt gab. Der Literaturnobelpreis ist mit acht Millionen Schwedischen Kronen (rund 870.000 Euro) dotiert. Damit geht die Auszeichnung zum 15. Mal nach Frankreich.  

Das Werk des Schriftstellers thematisiere Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld, teilte die Schwedische Akademie mit. Modiano beherrsche die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe.

Für die deutschen Leser im Jahr 1985 von Peter Handke entdeckt, gilt Modiano als der Spuren- und Fährtenleser unter Frankreichs bedeutenden Erzählern der Gegenwart. Ein Neuling ist Patrick Modiano bei weitem nicht. Seit 1967 arbeitet er als freier Schriftsteller. Und doch dürfte erst der Literaturnobelpreis dem Autor zu internationalem Ruhm verhelfen. Selbst die für die Nobelpreisvergabe zuständige Schwedische Akademie räumt ein, dass Modiano in erster Linie in seiner Heimat bekannt ist.

Paris der Nachkriegszeit

Krieg, Liebe, Besatzung – das sind die Themen, aus denen Patrick Modiano seine Inspiration schöpft. Egal ob in seinem jüngsten Buch Der Horizont, in Unfall in der Nacht oder Aus tiefstem Vergessen, der 69-Jährige beschreibt in seinen Werken Erinnerungen an seine unglückliche Kindheit im Paris der Nachkriegszeit. "Ich versuche, bei den Menschen und den Dingen die Schicht des Vergessens zu durchstoßen", sagte er in einem seiner wenigen Interviews vor etwas mehr als einem Jahr.

Modiano wurde am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer flämischen Schauspielerin geboren. Beide hatten sich während der deutschen Besatzungszeit kennengelernt. Modiano wuchs zunächst bei den Großeltern auf und verbrachte dann seine Jugend im Internat. Der Tod seines neunjährigen Bruders war ein Schock für ihn. Modianos Arbeiten von 1967 bis 1982 sind ihm gewidmet.

In Frankreich feierte er seinen Durchbruch schon 1968 mit dem Werk La Place de L'Étoile, einer Parodie auf einen jüdischen Antisemiten, der zur NS-Zeit als Spitzel und Menschenhändler agierte. Im Jahr 2010 erschien das Buch auf Deutsch und erhielt den Preis der SWR-Bestenliste. In dem Roman beschreibe der Autor "Erinnerungsbilder aus der Vergangenheit, die viele Schattierungen von Sehnsucht aufweisen", hieß es damals in der Begründung. In Frankreich gilt Modiano deshalb auch als Autor gegen das Vergessen.

Neuer Roman "Gräser der Nacht"

Auf Deutsch erschienen ist unter anderem Voyages de noces aus dem Jahr 1990 unter dem Titel Hochzeitsreise. Wieder ging es um das besetzte Paris des Jahres 1941. 2004 kam dann mit Ein Stammbaum auch Modianos Autobiografie über seine ersten 21 Lebensjahre heraus. Sein nächster Roman Gräser der Nacht war eigentlich für das kommende Frühjahr geplant, soll aber angesichts der Auszeichnung schon in den kommenden Tagen erscheinen. 

40 Werke veröffentlichte Modiano in französischer Sprache. Er wurde mit vielen bedeutenden Preisen bedacht. Im Jahr 1978 erhielt er für Die Gassen der dunklen Läden den begehrten französischen Prix Goncourt. 2012 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet.

Chaotische Kindheit

Literaturkritiker erkennen als Schlüsselthemen in Modianos Werk auch die großen Linien Abwesenheit und Präsenz und bringen dies in Zusammenhang mit der frühen Abwesenheit des Vaters. Die Eltern trennten sich schon zu Beginn der 1960er Jahre, nachdem ihr zweiter Sohn Rudy 1957 mit neun Jahren an Leukämie gestorben war. Patrick Modiano sprach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal von einer "chaotischen Kindheit und Jugend".

Patrick Modiano ist seit 1970 verheiratet und hat zwei Töchter. Ihm wird nachgesagt, er sei menschenscheu. In seiner Pariser Wohnung soll er alte Telefonbücher, Zeitungen und Landkarten horten. Interviews gab er bislang selten. Und auch für die Nobeljuroren war er vor der Bekanntgabe ihrer Wahl nicht erreichbar.