Die Abrechnung eines Mädchens – Seite 1

"Nate würde der Laden hier nicht so gefallen", sagt Adelle Waldman. Es ist kurz nach eins, ein sonniger Tag und sie sitzt im Café Paulette, zwei Straßen entfernt von ihrer Wohnung in Brooklyn, Fort Green. Aus den Lautsprechern schallen Chansons. Nate möge es wesentlich abgeranzter, sagt sie. Sie wollte einen Typen schaffen, der sich vor allem für seine Literatur interessiere. Schicke Kleider, eine elegante Wohnung, gutes Essen, das sei ihm egal. "In ein Bistro wie das Paulette würde Nate höchstens eine seiner Freundinnen bewegen."

Über Nate Pivets Geschmack weiß Adelle Waldman bestens Bescheid. Er ist die Hauptfigur ihres Romans The Love Affairs of Nathaniel P., der 2013 in den USA erschien und zu einem der meist diskutierten Bücher des vergangenen Jahres wurde. Lena Dunham empfahl das Buch auf Twitter. Der Terminus "das ist ein totaler Nathaniel P." ist inzwischen angeblich ins Vokabular junger Brooklynites übergegangen. Das muss man erst mal schaffen als Romancier.

Gemeint ist damit ein bestimmter Typus junger, belesener und ziemlich selbstzufriedener Künstlerkavalier, wie er Adelle Waldman hier oft begegnet ist, und offenbar nicht nur ihr. Er glaubt, progressiv zu sein und feministische Diskurse verstanden zu haben – schließlich war er auch im Gender-Studies-Seminar -, dabei hat er in Wahrheit keinen Schimmer. Er sortiert die Frauen in seinem Umfeld nicht nur nach der Anzahl ihrer Veröffentlichungen und der Qualität ihrer Prosa, sondern nach ihren Hintern, Brüsten und der Ästhetik ihrer Gesichtszüge. Und wenn Beziehungen aus dem Ruder laufen, was bei Nate öfter passiert, sucht er die Antwort nie bei sich.

Kein Wunder, dass das Buch gerade für Gesprächsmaterial nicht nur in den USA sorgt. Das Datingverhalten junger Kreativer in gentrifizierten Nachbarschaften, die Ungleichheit der Geschlechter innerhalb der vermeintlich so aufgeklärten Literatur-, Kunst- oder Musikszenen – das sind Themen weit über New York hinaus. "Nate ist Schriftsteller in Brooklyn, aber dieser Typus Mann ist nicht spezifisch für die Literaturszene. Das könnte ebenso gut ein Architekt in Berlin oder ein Fotograf in London sein. Diese Verhaltensmuster sieht man übergreifend," sagt Waldman.

Verheerende Sicht auf Liebe und Sex

Nate ist kein Arschloch, zumindest nicht willentlich. Waldman zeichnet ihren Helden als Produkt einer "postfeministischen 1980er-Jahre-Kindheit und politisch-korrekten 1990er Universitätsausbildung." Anfang 30, mit einem Abschluss aus Harvard, ein paar Aufträgen als Literaturkritiker und einem ersten Buchdeal in der Tasche, wirkt er nicht so anders als die jungen Männer, die hier sonst an Bartresen sitzen oder auf Vernissagen herumstehen. Er weiß, was von ihm erwartet wird, sagt die richtigen Dinge und respektiert Frauen, die intellektuell mit ihm mithalten können – zumindest macht er sich das gerne vor. Er würde sich eher die Zunge abhacken, als Frauen zu Heim und Kind zu kommandieren oder sie als Schlampen abzustempeln. In Wahrheit ist seine Sicht auf Frauen, Sex und Liebe trotzdem verheerend.

Männliche Kollegen ordnet Nate in seiner Weltsicht nach Talent und Erfolg, sie sind Konkurrenten. Die jungen Redaktionsassistentinnen, Lektorinnen und Autorinnen, die er und seine Kumpels auf Partys treffen, sortiert er hingegen kühl nach dem Statusvorteil, den sie ihm versprechen. Je nach Jugend, Schönheit und Brustumfang fallen sie auf der Skala von 1 bis 10 und während Belesenheit, Witz und schreiberisches Talent natürlich ebenfalls in die Rechnung mit einbezogen werden – schließlich sollten sie ihn vor seinen Freunden nicht blamieren – ist die Frage, was seine Konkurrenten wohl über sie denken, immer ganz oben auf seiner Merkliste.

Ab jetzt einen Alu-Hut?

Was womöglich noch deprimierender ist: Nate erkennt sehr wohl, dass er als Mann privilegiert ist – im Literaturbetrieb wie im Paarungsspiel der Geschlechter, in dem Singlefrauen jenseits der 30 immer auf der Seite der Verliererinnen stehen. Nur leitet er daraus keinerlei Konsequenzen für sein Handeln ab. Gelegentlich suhlt er sich gerne in einem schlechten Gewissen, das er allerdings ebenso schnell wieder  wegpackt, wenn es ihm zu unangenehm wird. Falls Frauen es in der Branche schwerer haben, so sei das schließlich nicht seine Schuld, denkt er. Und warum werden seine Freundinnen auch immer so irrational und anhänglich. Frauen seien schließlich "ebenso intelligent wie Männer, ebenso fähig (...) zu rationalem Denken. Sie schienen bloß nicht so interessiert daran".

Es sei diese bestimmte Art des intellektuellen Sexismus gewesen, sagt Adelle Waldman, die sie in dem Buch habe einfangen wollen. "Diese Vorstellung, Frauen seien weniger zu einem rein ästhetischen Interesse fähig, emotional involvierter – das ist mir immer wieder begegnet." Die Abrechnung ist gelungen, es ist schwer, Nates Gedankengänge zu lesen, ohne sich für ihn zu schämen.

Waldman bekommt fast täglich Briefe von Männern jedes Alters, die sich bei der Lektüre ertappt fühlen: "Wie kommen Sie in meinen Kopf?" schrieb ein junger NYU-Student. "Ich werde ab jetzt einen Aluminiumhut tragen."

Keine Verschwörung des Literaturbetriebs

Als Autorin findet sie das zu gleichen Teilen befriedigend und erschütternd. Es sei ja schön zu hören, dass ihr die Einfühlung in Nates Psyche so realistisch gelungen sei. Aber dass so viele Männer sich in ihm wiedererkannten, sei schon etwas deprimierend. "Ich meine, Nate ist nicht gerade ein Supertyp."
Sie verweist auf den "Vida Count", für den die amerikanische Schriftstellerinnen-Organisation seit 2010 jährlich Literaturmagazine auswertet und auflistet, wie viele Werke von Frauen besprochen werden und viele Kritikerinnen zu Wort kommen. Wenig überraschend dominieren Männer in beiden Kategorien.

Nein, da sei keine große patriarchale Verschwörung in der Literaturbranche am Werk, sagt Waldman. Es gäbe einfach eine bestimme Vorstellung davon, wie ein junger aufstrebender Literat aussehe. Und eine Frau sei das eher nicht. "Die Männer in meinem Umfeld gehen wie Nate einfach davon aus, dass sie etwas können und erfolgreich sein werden." Warum sollten sie sich auch hinterfragen. Sie entsprechen den Erwartungen. "Als Frau musst du dich dagegen immer erst mal beweisen – vor anderen und dir selbst."

Adelle Waldman ist kein "junger aufstrebender Literat". Sie ist eine 1,60 Meter kleine Frau mit einer hohen Stimme, gepflegten Nägeln und einem Vorhang aus glatten braunen Haaren. Eine kluge, nette Frau von 38 Jahren, die gerne in schöne Bistros geht und in deren Wohnung, man muss davon ausgehen, keine Socken auf dem Boden liegen. 

Ihr Buch erscheint nächstes Jahr auf Deutsch

In ihren Zwanzigern schrieb sie einen ersten Roman, der nie veröffentlicht wurde. Danach schlug sie sich als freie Autorin in New York durch, schrieb schlecht bezahlt Literaturkritiken, eine Kolumne für das Wall Street Journal, war Nachhilfelehrerin für reiche Kinder auf der Upper East Side. Irgendwann war klar, dass sie das Buch nie verkaufen würde. Trotzdem begann sie kurz darauf die Arbeit an Nathaniel P. Sie hatte keinen Verlag, keine Agentin, nichts als ein Word-Dokument, das ihr nächster, besserer Roman werden sollte und an dem sie arbeitete, so gut es eben ging. 

Drei Jahre dauerte es, bis sie ein erstes Manuskript fertig hatte, dann wurde sie von der Literaturagentin Elyse Cheney unter Vertrag genommen, eine der einflussreichsten Frauen in der Branche, die schon die Karrieren von Autoren wie Dave Eggers und Benjamin Kunkel lancierte. "Ab da wusste ich: Das Buch wird erscheinen." Ein weiteres Jahr und viele Überarbeitungen später schickt Cheney den Entwurf an Verlage. Vier Tage später hat Waldman ein Angebot des New Yorker Verlags Henry Holt. Im kommenden Jahr erscheint ihr Roman auch in Deutschland.

"Ich war zu sehr neben der Spur, um mich richtig freuen zu können," sagt sie. Die zehn Tage zuvor hatte sie kaum geschlafen, um die letzten Änderungen am Manuskript zu machen. Ihre Stärke, sagt sie, sei nicht unbedingt Stil, sondern Psychologie. "Ich wollte Romane schreiben, weil mich interessiert, wie andere Menschen denken." Darin sei sie richtig gut. Wenn sich die jungen Männer, die sie beobachtete, so verhielten wie Nate, woran lag das dann? Warum verloren sie so oft das Interesse, sobald sie eine Frau haben konnten?

In Nates Fall ist das seine Freundin Hannah, eine begabte Journalistin, die ihn anfangs beeindruckt und "fast universell als nett und klug, oder klug und nett" gesehen wird, ihm dann aber nach einigen Wochen immer unattraktiver erscheint, je offensichtlicher sie ihm verfällt. An ihr wird Nates latente Misogynie am offensten deutlich, wenn er sich etwa darüber aufregt, dass sie so ein Aufhebens um ein Abendessen macht, zu dem er keine Zeit hat, oder dass sie ihn nach einem misslungenem Blowjob fragt, ob sie etwas anders machen solle. "Warum musste sie so unsexy dabei sein, so sehr wie ein verwundeter Hund? Wie sollte er sich da bitte fühlen?" Die Gemütlichkeit ihrer Wohnung, in der er vorher so gerne übernachtete, die Spießigkeit ihrer Cordkissen und ihre "feminine Materialität" kommen Nate auf einmal erstickend vor. Er sehnt sich nach seiner dreckigen Junggesellenbude, in der er mit niemandem reden muss und in Ruhe Pornos gucken kann.

"Ich wollte verstehen, was dahinter steht. Keiner dieser Typen wacht ja morgens auf, und denkt sich: Ich will heute ein Arschloch sein und Frauen verletzen." Nate war der Versuch, das wahrgenommene Verhalten mit einer plausiblen psychologischen Erklärung auszustatten.

Es ist einfach, Adelle Waldman zu unterschätzen. Adelle Waldman weiß das genau. Sie ist klug genug, um zu erkennen, dass genau darin ihre Stärke liegt. "Während ich das Buch schrieb, dachte ich manchmal, ich bin bloß dieses braunhaarige schüchterne Mädchen, das hier in der Ecke steht, ich habe keine berühmten Freunde. Wer wird das lesen wollen? Aber ich wusste, dass ich etwas zu sagen hatte, das anders ist als das, was all diese Männer sagten."

Dieser Blick, diese Verschiebung der Perspektive, macht die Brillanz von The Love Affairs of Nathaniel P. aus. Es ist die gnadenlos genau beobachtete Abrechnung des Mädchens, das in der Ecke stand. Und von dort aus den besseren Blick hat. Dass Adelle Waldman ausgerechnet mit diesem Roman einen literarischen Erfolg gelandet hat – es ist schwer, darin keine Genugtuung zu finden.