Wer neben sich tritt und ein bisschen schief auf die Dinge des Lebens blickt, dem dürfte fast alles, noch die kleinste Geste und der unbedeutendste Gegenstand, zum Geheimnis werden. Und wer diesen in der Wirklichkeit verborgenen Geheimnissen mit der Sprache auf die Spur kommen will, dürfte sich schnell in einer Sphäre wähnen, in der nicht mehr ganz klar ist, ob der Boden der Tatsachen noch trägt oder ob einem der Traum den festen Grund unter den Füßen bereits zerbröselt hat.

Xaver Bayer balanciert in seinen Büchern auf einer Scheidelinie des Realen und Surrealen entlang, die ja zumindest in der Literatur sehr durchlässig sein kann. Selten hat er das so schillernd und brillant getan wie in seinem neuen Band mit dem Titel Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich. Was darin geschieht, lässt sich leicht sagen: alles und nichts. Ein Schriftsteller-Ich reist durch seinen Tag, sitzt in Cafés, begegnet dabei weniger anderen Menschen als sich selbst, beobachtet und sinniert und spintisiert, lässt sich von einer Situation oder einem Gedanken wegtragen, erzählt sich von einem Punkt fort zu einem anderen, nimmt die Dinge so wunderlich wie sie wären, hätte man nicht diese routinierte Beziehung zum Alltag aufgebaut, die ein wenig blind und stumm macht.

Miniaturen von nie mehr als drei Seiten Länge reihen sich aneinander zu einem Roman, der vom Leser zusammengesetzt werden kann, aber nicht muss; kleine Splitter, die hell funkeln – in jedem Einzelnen steckt auch immer das Ganze, wobei gar nicht zu sagen wäre, was das Ganze ist, eine Illusion womöglich nur, eine Schwindelei, eine Merkwürdigkeit. 

Man fühlt sich an die Kurzprosa Robert Walsers erinnert, aber lediglich ein wenig. Man muss manchmal an Wilhelm Genazino denken, aber nur ein paar Zeilen lang. Auch Daniil Charms huscht einem durch den Sinn. Allerdings ist es dann doch etwas sehr Eigensinniges, was in Xaver Bayers bemerkenswerten, großartig absurden, zuweilen traurigen, manchmal unfassbar lustigen Kurztexten steckt, die allesamt auf eine tiefere Wahrheit zulaufen. Eine Wahrheit, die allerdings nie ausgesprochen wird: dass das Leben nämlich von so unglaublicher Banalität und Durchschnittlichkeit ist, zudem unweigerlich unheilvoll endet, dass nur der poetische Blick auf die Welt alles in ein fantastisches Mysterium verwandeln kann. Eine Rettung ist das freilich nicht, daran lassen Bayers Prosapreziosen keinen Zweifel. Ein Trost hingegen schon. Der Trost der Dinge zeigt sich zum Beispiel in einem Kamm, der in der Spalte einer Sitzbank im Wirtshaus gefunden wird und der zum Symbol des Verlassenseins wird, zugleich zum "Inbegriff für Alle-Zeit der Welt" – ein den Betrachter rührendes, ein wenig ekliges, von der Welt vergessenes Objekt, das in einer Ritze überdauert und das man wie eine "Monstranz" vor sich hertragen könnte.

Vom Zauberreich ins Nebenzimmer

Ein Beispiel für die Kunst und stilistische Feinheit von Bayers Prosa sei in Gänze zitiert; man sieht daran geradezu programmatisch, wie die Geschichten, initiiert von einer kleinen Idee oder Beobachtung und infiziert von mäandernder Fantasie, sich ausdehnen und dabei kurios, geradezu skurril verlaufen können: "Meine Gedanken haben heute einen unverbindlichen Plauderton. Sie folgen mir wie eine Schar Schulkinder, denen ein Ausflug in den Vergnügungspark versprochen worden ist. Ich liebe es, wie sie, manche Hand in Hand, mit ihren bunten Jacken und Jausenbeuteln, sich tummeln und zur Geduld ermahnt werden müssen. Eines von ihnen hat diese Brillen, bei denen das eine Glas zugeklebt ist. Ein anderes Kind hat ein verdrehtes Bein und humpelt. Das Haar eines Mädchens ist kurzgeschoren, weil es Schuppenflechte hat. Ein anderes trägt ein Hörgerät und wirkt immer ein bisschen verloren. Zusammen durchschwärmen wir die Stadt, und die Blicke der Liebenden fliegen uns zu wie zahme Jungvögel, die gestreichelt werden wollen."

Den unverbindlichen, aber betörenden Plauderton findet man auch in einem zweiten, ebenfalls in diesem Herbst erschienenen Band des 37-jährigen Wiener Autors. Aus dem Nebenzimmer enthält Kurzgeschichten und Gedichte aus fünfzehn Jahren. Oftmals wirken diese Nebenbei-Texte wie Fingerübungen, ein bisschen tastend und suchend und spielend mit verschiedenen Sprachregistern. Schon alleine durch die Zeitspanne, in denen die Geschichten entstanden sind, ergibt sich eine Spannweite an Themen und Formen. Aber dennoch: Vom Zauberreich ist es gar nicht sehr weit in dieses Nebenzimmer – hier wie dort hört man deutlich Bayers Stimme. Und es lassen sich an beiden Orten wunderbare Entdeckungen machen.