Ein Genie und Provokateur – Seite 1

Die Nachricht hat mich nicht wirklich überrascht, aber sie hat mich dennoch erschüttert: Fritz J. Raddatz, Chef des ZEIT-Feuilletons von 1976 bis 1985, hat sich in Zürich das Leben genommen.

Er war einer der großen Feuilletonchefs des Blattes, ja: seiner Zeit. Voller Temperament und schöpferischer Nervosität, streitbar und umstritten, elegant und exzentrisch, ein Narziss, aus dessen herausfordernd zur Schau getragener Eitelkeit nicht nur seine Schwächen, sondern auch seine großen Stärken erwuchsen. Er war Genie, Geck und Galan, Paradiesvogel, Polemiker und Provokateur, ein Mann der Manieren und der Manieriertheiten.

Die Raddatz-Jahre fielen in meine Chefredakteurszeit. Ich habe das Anstellungsgespräch mit ihm geführt, bei dem er in Cölln’s Austernkeller, nach einer Überdosis von Schalentieren einer Eiweißvergiftung erliegend, quer über den Tisch spie (was seine Autobiografie auch getreulich verzeichnet); ich habe zuweilen in freundschaftlicher Verzweiflung getobt und gepoltert, wenn mir sein Umgang mit den Fakten allzu freizügig vorkam; aber ich habe stets unverdrossen meine schützende Hand über den ungebärdigen, doch fantastisch und fantasievoll anregenden Inszenator des ZEIT-Kulturteils gehalten – bis es am Ende nichts mehr half, weil die Entfremdung zwischen dem "gewitterjähen" Bucerius und seinem Feuilletonchef zu weit vorangeschritten war.

Fritz J. Raddatz - Lesetipp von Ijoma Mangold: "Tagebücher 2002 - 2012" Der zweite Band der Tagebücher von Fritz J. Raddatz ist ein klagendes Alterswerk. Darin wird auf brillante Weise gezeigt, wie schwierig das Glücklichsein ist, meint ZEIT-Literaturchef Ijoma Mangold.

Anfangs war Bucerius begeistert von Raddatz. Ihre Beziehung war herzlich, der Verleger sparte nicht mit Lob: "Großer Journalismus!" Aber dann gerieten sie immer öfter aneinander. Bucerius stieß sich an Raddatz-Artikeln über den Bundespräsidenten Carstens; über den linken Schriftsteller Peter Paul Zahl, der einen Polizisten schwer angeschossen hatte und sich darüber beschwerte, dass im Gefängnis das Frühstücksei nicht ordentlich abgeschreckt war; über die Nazi-Verstrickungen der deutschen Literaten; über Ernst Jünger. Dabei störte den Verleger nicht so sehr die Meinung – es störten ihn die Unterstellungen und Ungenauigkeiten seines Redakteurs. Sein Unmut verdichtete sich zu vehementer Abneigung. Ende November 1982 schrieb er mir: "Ich kann den bis zur Gewissenlosigkeit leichtfertigen Mann nicht mehr ertragen." Ich sollte ihn absetzen.

Die Kritik in den Tagebüchern

Bucerius ertrug Raddatz noch weitere drei Jahre, unter anderem, weil ich ihm zweimal erklärte, er müsse sich einen anderen Chefredakteur suchen, der seine Aufforderung vollzöge, den brillanten Feuilletonchef zu entlassen. Aber dann schrieb Raddatz im Oktober 1985 einen Titelseitenkommentar zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, in dem er eine angebliche Goethe-Beschreibung des früheren Messegeländes zitierte: "Man begann damals, das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern."

Ein hämisches Lachen ging durch die Republik, denn die erste deutsche Eisenbahn fuhr erst drei Jahre nach Goethes Tod. Nun schlug Bucerius zu. Eine Lappalie, aber sie reichte als Anlass zum Bruch. Ich befand mich in Japan, den Text der Meldung über die Ablösung des Feuilletonchefs schob mir ein rücksichtsvoller Hotelpage nachts unter der Zimmertür durch; als ich ihn am nächsten Morgen las, war es zu spät, die Meldung stand schon im Blatt.

Fritz Raddatz blieb der ZEIT noch lange Jahre als Kultur-Korrespondent und Autor erhalten. In seinen Tagebüchern arbeitete er sich, wie an vielen seiner Schriftstellerkollegen, noch einmal an der ZEIT ab. Mich schonte er. Aber über Bucerius, Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt zog er bösartig her. Wie auch über Günter Grass, Jan Philipp Reemtsma, Martin Walser und viele andere.

Nicht warten auf die seltsame Finsternis

Danach veröffentlichte er seine Artikel immer öfter anderswo, bis er im Sommer vorigen Jahres verkündete, er werde nicht länger journalistisch schreiben. Auf Drängen von Iris Radisch schrieb er ("Es gilt das gebrochene Wort") dann doch noch einen Nachruf auf Siegfried Lenz. Morgen wird, einen Tag nach seinem Freitod und nur drei Wochen nach einem fröhlichen Empfang, den Alexander Fest für ihn gab, sein letztes Buch erscheinen: Jahre mit Ledig – eine Erinnerung. Ein Exemplar davon hat er mir zugeeignet mit der Widmung: "Schade, lieber Ted, dass Sie neulich nicht dabei waren; das haben Sie nun davon: Lektüre! Herzlich vom alten Fritz"

Bei Fests Empfang muss Fritz Raddatz den Tag seines Todes schon beschlossen haben. Acht Tage vorher gab er Arno Widmann für die Frankfurter Rundschau ein Interview, in dem er sich als "Lebensschauspieler" bezeichnete, der keineswegs "so lustig, komisch und temperamentvoll" sei, wie er sich gebe: "Es gibt große Abgründe in meinem Leben. Vor allem jetzt am Ende. Ich habe mein Leben gelebt. Ich habe es ausgelebt, leer gelebt. Mein Lebenshorizont ist ausgeschritten. Da kommt nichts mehr." Es war eine klare Ankündigung.

Im Vollbesitz seiner Kräfte

Seit Langem war Raddatz ein Anhänger des begleiteten Suizids, in dem er eine würdige Form sah, sein Leben zu beenden: "Eben nicht zu warten, bis der Schlaganfall kommt, in seltsamer Finsternis zu versinken, in die kein Mensch mehr eindringen kann". Das fand er unwürdig. "Ich will nicht warten auf die 38. Operation, ich will leben. Ich will nicht überleben. Man soll aufhören, wenn es noch geht."

Heute hat er seine Ankündigung in Zürich wahrgemacht. Nicht aus Eitelkeit und nicht aus Verzweiflung, sondern weil er kein Pflegefall werden wollte. Im Vollbesitz seiner Kräfte, von keiner Krankheit geplagt, entschloss er sich: "Das war’s. Es ist genug." Zuvor hat er aufgeräumt, den Hinschied und den Abschied geregelt. Auf dem Keitumer Friedhof wartete schon lange der Grabstein auf ihn.

"Irgendwann muss Schluss sein", hatte er Arno Widmann gesagt. "Da werden zwei, drei Leute traurig sein." Es werden mehr sein, und ich gehöre zu ihnen. Jedes Mal, wenn ich nach Keitum komme, werde ich mich an seinem Grab vor dem Freund verneigen, dem ich so viel Anregung und soviel Aufregung verdanke.