Danach veröffentlichte er seine Artikel immer öfter anderswo, bis er im Sommer vorigen Jahres verkündete, er werde nicht länger journalistisch schreiben. Auf Drängen von Iris Radisch schrieb er ("Es gilt das gebrochene Wort") dann doch noch einen Nachruf auf Siegfried Lenz. Morgen wird, einen Tag nach seinem Freitod und nur drei Wochen nach einem fröhlichen Empfang, den Alexander Fest für ihn gab, sein letztes Buch erscheinen: Jahre mit Ledig – eine Erinnerung. Ein Exemplar davon hat er mir zugeeignet mit der Widmung: "Schade, lieber Ted, dass Sie neulich nicht dabei waren; das haben Sie nun davon: Lektüre! Herzlich vom alten Fritz"

Bei Fests Empfang muss Fritz Raddatz den Tag seines Todes schon beschlossen haben. Acht Tage vorher gab er Arno Widmann für die Frankfurter Rundschau ein Interview, in dem er sich als "Lebensschauspieler" bezeichnete, der keineswegs "so lustig, komisch und temperamentvoll" sei, wie er sich gebe: "Es gibt große Abgründe in meinem Leben. Vor allem jetzt am Ende. Ich habe mein Leben gelebt. Ich habe es ausgelebt, leer gelebt. Mein Lebenshorizont ist ausgeschritten. Da kommt nichts mehr." Es war eine klare Ankündigung.

Im Vollbesitz seiner Kräfte

Seit Langem war Raddatz ein Anhänger des begleiteten Suizids, in dem er eine würdige Form sah, sein Leben zu beenden: "Eben nicht zu warten, bis der Schlaganfall kommt, in seltsamer Finsternis zu versinken, in die kein Mensch mehr eindringen kann". Das fand er unwürdig. "Ich will nicht warten auf die 38. Operation, ich will leben. Ich will nicht überleben. Man soll aufhören, wenn es noch geht."

Heute hat er seine Ankündigung in Zürich wahrgemacht. Nicht aus Eitelkeit und nicht aus Verzweiflung, sondern weil er kein Pflegefall werden wollte. Im Vollbesitz seiner Kräfte, von keiner Krankheit geplagt, entschloss er sich: "Das war’s. Es ist genug." Zuvor hat er aufgeräumt, den Hinschied und den Abschied geregelt. Auf dem Keitumer Friedhof wartete schon lange der Grabstein auf ihn.

"Irgendwann muss Schluss sein", hatte er Arno Widmann gesagt. "Da werden zwei, drei Leute traurig sein." Es werden mehr sein, und ich gehöre zu ihnen. Jedes Mal, wenn ich nach Keitum komme, werde ich mich an seinem Grab vor dem Freund verneigen, dem ich so viel Anregung und soviel Aufregung verdanke.