Die literarische Reportage ist ein Zwitterwesen: Sie dringt ein in die Wirklichkeit, lässt sich von ihr führen und verführen, aber im Text wird die Realität wie die Kulisse in einem Film inszeniert. Es geht um eine höhere Wahrheit, um einen Weltausschnitt, der penibel genau betrachtet wird und unter der Hand etwas über eine bestimmte Zeit, ein Milieu, eine Stimmung erzählt.

Joseph Mitchell war ein Meister des Genres: Die Reportagen des New Yorker Autors neigen eindeutig mehr zur Literatur als zum Journalismus; sie wurden in Sammelbänden veröffentlicht und werden bis heute bewundert. Schriftsteller haben sich von ihnen anregen lassen. Für Reporter sind sie geradezu Lehrstücke, allerdings ganz unnachahmliche, weil sie ein literarisches Talent und Gespür erfordern, das die wenigsten Schreiber mitbringen. Viele Sätze hat Mitchell den Outlaws in den Straßen New Yorks abgelauscht und dann eins zu eins in seine Geschichten eingebaut.

Seine Reportagen, und auch darin war Mitchell stilprägend, halten sich ganz an das Erlebte und Gesehene. Aber sie gestatten sich Freiheiten, um dem Darzustellenden ein wenig mehr Kontur zu verleihen, die Dramaturgie und den inneren Kern einer Geschichte ein bisschen stärker zu akzentuieren. So ist jener Old Mr. Flood, der einem seiner gerade in der Übersetzung von Sven Koch und Andrea Stumpf erschienenen Bände den Titel gibt, "kein einzelner Mensch; in ihm vereinigen sich Züge verschiedener alter Männer, die auf dem Fulton Fish Market arbeiten oder dort ihre Zeit verbringen".

Kurioser Lebenskünstler

Erstmals erschienen sind die Texte über diese ganz real erscheinende Kunstfigur 1944 und 1945 im Magazin The New Yorker. Schon damals muss in den detaillierten Beschreibungen der Welt rund um den Fulton Fish Market etwas Nostalgisches mitgeschwungen haben: Mitchells Porträts der Stadt und ihrer Bewohner fangen gerade noch ein, was bereits im Verschwinden begriffen ist – letzte Snapshots einer untergehenden Welt. Mr. Floods Schöpfer war nicht nur neugierig auf Menschen; er hatte gewiss auch Begabung zur Melancholie, die er in etwas Lakonisches verwandeln konnte. Und er war einer, dem das Abgelegene nie abgelegen genug schien, um nicht bewahrt zu werden; einer, der die Außenseiter der Stadt mehr liebte als jene, die im Rampenlicht stehen.

Mr. Flood ist so eine Kuriosität, "ein zäher, dreiundneunzigjähriger ehemaliger Abbruchunternehmer mit schottisch-irischen Wurzeln, (er) erklärt gerne, dass er felsenfest entschlossen ist, bis zum Nachmittag des 27. Juli 1965 zu leben, wenn er hundertfünfzehn Jahre wird. 'Mehr will ich gar nicht', sagt er. 'Ich will nur hundertfünfzehn werden. Das reicht mir.'" Mr. Flood lebt in einem kleinen Zimmer in einem Hafenhotel, streunt immerzu auf dem Fischmarkt herum, jeder kennt ihn, wenn auch kaum einer weiß, was er eigentlich dort den ganzen Tag über treibt. Er gehört zum Inventar. Mr. Flood hält nichts vom Sterben, dafür lebt er zu gern. Das Alter stößt ihm zu, wirft ihn aber nicht um. Er ist ein Lebenskünstler, der nicht an Ärzte glaubt, und dementsprechend sucht er sie auch nicht auf. Mr. Flood hat mit seinen dreiundneunzig Jahren einiges erlebt. Unter anderem war er zwei Mal verheiratet, beide Ehefrauen waren sehr gottesfürchtig. Wenn er zurückblickt, was er meist vermeidet, bereut er ein wenig, diesen Frauen immer treu gewesen zu sein, statt ab und an seinen Begierden nachgegeben zu haben.

Nur Fisch und Schalentiere

Das Alter macht ihn nicht unbedingt sanftmütiger. Man erkennt eher einen gewissen Triumph: Jeder, der die fünfundsiebzig überschritten hat, findet Flood, kann sich als Überlebender fühlen. Wenn so ein alter Mann die Todesanzeigen studiert, kommt sogar Freude auf: Dem hab ich's gezeigt. Mr. Flood hat ein Geheimnis, das er nicht für sich behält. Hundertfünfzehn Jahre alt kann man nur werden, sagt er, wenn man "das einzig vernünftige Nahrungsmittel" zu sich nimmt, nämlich Fisch. Seit 1885 – also seit gut sechzig Jahren – hat Mr. Flood im Prinzip nichts anderes gegessen als Fisch und Schalentiere. Fleisch und Gemüse führen, da ist er sich gewiss, direkt ins Grab. Seit 1912 hat er keine Erkältung mehr gehabt. Joseph Mitchell weicht seiner Figur nicht von der Seite. Er folgt ihm wie ein Schatten durch seine Tage, begegnet seinen Freunden und tüchtigen Fischverkäufern, besucht mit ihm Lokale und trinkt das ein oder andere Glas Whiskey mit dem alten Herrn. Es ist, als würde Mitchell für eine gewisse Zeit ganz im Leben des anderen aufgehen, und der Leser gleich mit.