Es gab während der Kundgebungen nach den Anschlägen in Paris einen Fernsehmoment, als Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine Französin jüdischen Glaubens in den Arm nahm und ihr, mehr aber noch in die anwesenden Nachrichtenkameras, eine Einladung nach Israel aussprach. Netanjahu wiederholte anlässlich des Terroranschlags in Kopenhagen die Einladung zur "großen Einwanderung" nach Israel, der "Heimstatt der Juden".

Dass wir in Europa ein ernsthaftes Problem mit Antisemitismus haben, ist unbestritten. Ob man in Israel aber wirklich sicherer vor Terroranschlägen lebt, ist zunächst einmal eine Behauptung, die zu beweisen wäre. Netanjahu benimmt sich in den letzten Wochen wie ein Patriarch, der seine Kinder während ihres Auslandsjahres aus Europa abholen kommt, weil die Pflegefamilie sich als verantwortungslos und überfordert herausstellt. 

Zunächst einmal: Am 17. März wird in Israel gewählt. Der Premier hat aufgrund von anhaltendem Koalitionsstreit vorzeitige Parlamentswahlen erzwungen. Seit Anbeginn des Mitte-rechts-Bündnisses hat es gekriselt, besonders aufgrund der von Netanjahu angestrebten Neuausrichtung Israels hin zu einem "Jüdischen Nationalstaat". So ein Begriff wirbelt natürlich die Beziehungen aller in Israel lebenden Gesellschaftsschichten auf. Werden sich alle Israelis mit diesem Staat identifizieren können? Die liberalen Juden genauso wie die orthodoxen? Die aus Äthiopien Eingewanderten ebenso wie die aus der Sowjetunion? Und was ist mit jenen, die einfach nur Israelis bleiben und nicht per Grundgesetz Juden werden wollen? Ganz zu schweigen von jenen Bürgern, die streng atheistisch sind oder säkular oder christlich oder muslimisch, oder wie man in Israel sagt, "arabisch-palästinensischer Herkunft?".

Wer einem Staat eine bestimmte Identität zuordnen möchte, braucht natürlich gewichtige Motive. Die in immer kürzeren Abständen aufeinanderfolgenden Anschläge geben Netanjahu eine Argumentationshilfe für seine Auffassung, dass alle Juden nach Israel gehören. Grundsätzlich kann man aber auch das sagen: Ist ein Staatschef kurz vor der Wahl vermehrt im Ausland küssend und herzend unterwegs, liegt die Vermutung nahe, dass man sich als Nebenprodukt der Zärtlichkeit Wahlstimmen erhofft.


Bestes Beispiel hierfür ist Tayyip Erdoğan
, den kurz vor den Wahlen ein enormer Liebesflash überrollt, weshalb er in Deutschland lebende Deutsche mit türkischen Wurzeln und türkischer Wahlberechtigung aufsucht und ihnen zuruft: Ihr seid ein Teil von uns, ich vergesse euch nicht. Kommt mit oder besser: Bleibt wo ihr seid, verhaltet euch unauffällig, lernt Deutsch, aber um Gottes Willen, wählt für mich! Die dafür erforderlichen bürokratischen Maßnahmen hat er praktischerweise in seine Politik mit reinregiert.

Wie aber reagiert die deutsche Politik, wenn ausländische Staatschefs in Deutschland ihre Angeln auswerfen? Im Fall der deutschen Bürger mit Herkunft aus der Türkei reagierte die Politik bislang oft empört. Man war angesichts der Arenen voller Deutschtürken, die Erdoğans Liebesbekundungen gierig aufsogen, beleidigt. Es entbrannte ein Diskurs darüber, ob diese Bürger in Deutschland richtig seien, wenn sie für ein fremdes Land die Fahnen schwenken. Ein neuer Kurswechsel wurde erst von Angela Merkel eingeführt, die beim letzten Besuch des türkischen Außenministers das Signal gab: Nichts da, ihr gehört hierher, Islam, Muslime, alle hiergeblieben!

"Wir sind froh und dankbar, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt", sagte Angela Merkel diese Woche, in Anbetracht der antisemitischen Taten. Doch vor allem, um dem Werben des israelischen Ministerpräsidenten etwas entgegenzusetzen,

"Wir möchten gerne mit Juden, die heute in Deutschland sind, weiter gut zusammenleben."

An sich ein schöner Satz, wenn man die ungenaue Bezeichnung "Wir" ignoriert. Und die Einschränkung "die heute in Deutschland sind" beiseite lässt. "Weiter gut leben" klingt in den Ohren eines von Antisemitismus Betroffenen sicher zynisch. Wie immer, wenn man sich wortgewordene Integrationsbemühungen anschaut, werden sie ungenauer, verschwommener, nebulöser, je länger man drauf guckt.