Lippnitz macht also all das, was sich Distelmeyer bewusst versagt. Sein Text enthält statt Unwahrheiten wikipedialange Einträge, statt Herabsetzung und Häme Vielschichtigkeit, statt Gewaltverherrlichung und Ressentiment die Feier des Bestehenden. Feier auch einer Figur wie Lippnitz: Dieser "charismatische Grantler" bekommt eine ordentliche Portion Liebesglück ab, gewinnt durch eine "Charmeoffensive" in einer Apotheke eine "attraktive Jungunternehmerin".

In Wendungen wie diesen schließt Distelmeyer die Gegenwartssprache mit den rhetorischen Figuren der Antike kurz: "Attraktive Jungunternehmerin", "hübsche Vierundzwanzigjährige", "bodenständige Mittdreißigerin" sind keineswegs "eigenartige Synonyme" (Spiegel), die den Text "geradezu hilflos" (Tagesspiegel) wirken lassen. Vielmehr zitieren sie die epischen Epitheta wie "die blauäugige Athene" oder "der listenreiche Odysseus", die wichtig waren für die antiken Epensänger, die lange Texte aus dem Gedächtnis zitieren, nach den Wünschen des jeweiligen Publikums variieren und dabei das Versmaß des griechischen Epos, das Hexameter einhalten mussten. Die Epitheta sind Textbausteine, die auswendig gelernt wurden und die beim Vortrag als Gedächtnisstütze wie auch zum Bau von Versen benutzt wurden. Sie gehören somit in den Bereich des "Singsangs", des Tons, auf den es Distelmeyer ankommt.

Dass keiner der Artikel zu Otis dieser Ebene und den zahlreichen Hinweisen auf sie nachgehen und dabei die im Roman angeführten Homer-Lektüren rundherum verwerfen, mag damit begründet sein, dass die Sozialisation der Kritiker, die sich mit Distelmeyers Roman befasst haben, sich stärker an der Popkultur als an der klassischen Literatur orientiert hat.

Lektüre unter Zeitdruck

Die fehlende Auseinandersetzung mit den offen zutage liegenden Bezügen ließe sich zudem erklären mit dem Zeitdruck, unter dem die Rezensionen entstanden sind. Sie alle erschienen im Zeitraum von einer Woche um das Erscheinungsdatum des Romans, damit der gängig gewordenen Praxis folgend, wonach es wichtiger ist, möglichst vor allen anderen Medien eine Meinung im Netz oder im Blatt zu einem Buch abzugeben, als eine auf sorgfältiger Lektüre beruhende Beurteilung. Die Eile, mit der die Lektüre von Otis erfolgte, lässt sich ablesen an den Flüchtigkeitsfehlern, die die Artikel enthalten. "Als Tristan mit seiner lebenslustigen Nichte Juliane in die Volksbühne geht, wird das gesamte Stück, das die beiden sehen, beschrieben…", formuliert Diedrich Diederichsen. Bloß heißt das Theater, in das die beiden gehen, "Delphi Theater" (im Tagesspiegel: "Deutsches Theater") und sie sehen lediglich den 1. Akt. Genauso wenig schaut sich Tristan im Fernsehen eine Snooker-Meisterschaft (Süddeutsche Zeitung) an, sondern die­ Übertragung eines legendären Darts-Wettkampfs – eine Anspielung darauf, dass Odysseus die Freier, die seine Frau jahrelang belagert hatten, mit Pfeilen tötet.

Grundsätzlicher Vertrauensverlust

Die Handlung des Romans läuft auf ein großes Fest hinaus, auf dem alle Figuren des Buches anwesend sind – und zu Wort kommen. Insbesondere der Kritiker Lippnitz und der Lyriker Reimar Wellenbrink halten lange Monologe, die sich durch die schon erwähnte verbale Irrfahrt zwischen Unsinn und Erkenntnis auszeichnen. Beide setzen sich mit einem Gedanken auseinander, der bereits vorher im Roman aufgetaucht ist: die These von einem "grundsätzlichen Vertrauensverlust" in die Künste infolge der Anschläge vom 11. September und der Wirtschaftskrisen der letzten Jahre, "dem Zerplatzen der Blasen, spekulativen Hoffnungen und Projektionen, die einer desillusionierenden Einsicht der eigenen Schwäche gewichen waren". Als Tristan Funke diese These von seinem Freund, dem Musiker Ole Seelmann hört, ist er "hin und her gerissen zwischen der Plausibilität der Schilderungen und der möglichen alters- und berufsbedingten Verblendung seines Freundes". Diese Stelle zeigt, wie offen Distelmeyer die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Kunst und Literatur in der Gegenwart anlegt. Es ist bezeichnend, dass keine der Kritiken auf diesen Komplex in Distelmeyers Roman eingeht – weder auf den diagnostizierten Vertrauensverlust noch auf die alters- und berufsbedingten Verblendungen.

Angesichts der Schwundstufen von Literaturkritik, die bei der Rezeption von Distelmeyers Roman sichtbar werden, wird klar: Der viel beklagte Bedeutungsverlust von Literaturkritik ist nicht Ergebnis des Medienwandels, er ist auch selbst verschuldet.