Der Prenzlauer Berg in Berlin gilt als ein Ort, wo man statt Autolärm sanftes Kinderwagenrollen hört. Wo die Straßen nach Brot riechen, die Wege grün sind und die Läden Waren vom Brandenburger Nutztier verkaufen. Die Kinder tragen ökologische Mode und klettern auf Holzdinosauriern im Sand. Doch auf dem Spielplatz, irgendwo auf einer Bank im Schatten, könnte jemand sitzen, der für dieses behagliche Treiben nur ein Schnauben übrig hat: Anke Stelling.

Die Berliner Autorin hat gerade ihren dritten Roman Bodentiefe Fenster veröffentlicht. Er erzählt davon, wie das aufgeklärte Bewusstsein des linksliberalen Bürgertums in sein Gegenteil umschlagen kann.

Sandra, die Protagonistin des Romans, wohnt in einem selbstverwalteten Gemeinschaftshaus im Prenzlauer Berg, was eine logische Konsequenz ihrer Erziehung ist. Die selbst gezogenen Wände und die offenen, bodentiefen Fenster ihrer Wohnung ächzen unter dem Erbe ihrer Eltern aus der 68er-Generation, die ihr die emanzipatorischen Mantras schon mit dem Dinkelbrei eingeflößt haben: Es gibt sie, die gerechte Welt. Man muss nur zusammenhalten, daran glauben, kämpfen, und vor allem: miteinander reden! 

Doch was nutzt einem das Gerede vom gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn es Ehepartner gibt, die sich nur noch per SMS aus dem Nebenzimmer verständigen oder wöchentlich mit jemand anderem für eine freundschaftliche Samenspende ins Hotelbett steigen? Dass das solidarische Versprechen von Sandras Eltern längst zerbröselt ist, wird durch Sandras Gedanken, die als innerer Monolog den Roman strukturieren, schnell klar.

Die Mär von der Freiheit

Die Protagonistin erzählt von den erschöpfenden Versuchen, Erziehung, Arbeit und Privatleben irgendwie zusammenzubringen und die Verantwortlichkeiten dabei immer neu aushandeln zu müssen. Ihren Alltag exerziert sie dabei in einer Zähigkeit durch, die bis an die Grenze des Erträglichen geht. Etwa wenn sie seitenlange Überlegungen dazu anhäuft, wie der Hefeteig am besten gelingt, wie man die Sahne bei Tiefdruckwetter steif bekommt und wer seine Kinder am besten im Griff hat: "Warum lässt Tinka Franz mit Saft rumschütten, wenn doch sie diejenige ist, die den Dreck hinterher wieder wegmachen muss? Ich versuche, ruhig und tief zu atmen."

Die Erzählerin schafft es, den Leser mit diesem Müttersprech so zu plagen, dass er nach einer Weile selbst schon das zehrende Gefühl verspürt, dass da ständig jemand ist, der einen am Ärmel zieht. Doch wie Sandra ihr Hadern beschreibt, zeugt von einer poetologischen Konsequenz: Ihr eigenes und das Verhalten anderer vergleicht und bewertet sie im Roman mit zermürbender Disziplin. Weil es im familiären Rollenspiel keine festen Regeln mehr gibt, Sandra freiberuflich arbeitet und sich ansonsten gemeinsam mit ihrem Mann um die Kinder kümmert, entwickelt sie eine Selbstkontrolle, die strenger als jede Regulierung von außen ist.

So zeugt der Roman davon, wie Machtverhältnisse das Zusammenleben scheinbar aufgeklärter Gemeinschaften immer noch durchdringen: durch die Selbstbeurteilung ihrer Protagonisten. Die Mär von der Freiheit, die ihnen die protestkulturellen Eltern soufflierten, wendet sich im großstädtischen Ökomilieu, das der Roman verhandelt, in eine groteske Form der Eigenverantwortung und pathologische Strenge.

Fragile Psychen und kaputte Erzählstrukturen

"Die Gesellschaft ist der allergrößte Mordschauplatz", hieß es noch bei Ingeborg Bachmann, deren Roman Malina in der Anlage manchmal an Bodentiefe Fenster erinnert. Beide Romane koppeln die Psyche ihrer Hauptfiguren an eine fragile Erzählstruktur, die das Wort nicht mehr als selbstverständlich nimmt:

"Aufstehen, die Party beenden, stattdessen einen großen Stuhlkreis bilden, ein neues Parlament, eine erdumspannende Bewegung! – nein. Eine ganz intime öffentliche Runde, in der die Wörter 'eigentlich' und 'im Grunde' und 'aufs Ganze gesehen' nicht mehr gesagt werden dürfen, dafür aber die Wahrheit! – nein, das ist auch falsch", heißt es an einer Stelle in Stellings Roman.

Was Bodentiefe Fenster zu einem herausragenden Buch macht, ist die Weise, wie hier eine Erzählstimme versucht, zu einem anderen Sprechen und damit einer neuen Form von Identität und Gemeinschaft zu gelangen.

Der Kampf um ein neues Sprechen

Während Sandra allmählich in eine Depression sinkt, verändert sich auch ihre Rede. Mit Floskeln will sie sich selbst beruhigen. Uns geht es doch gut. Es könnte doch alles noch viel schlimmer sein. Sie kann nicht aufhören, sich Katastrophen auszumalen und glaubt, sie dadurch vorwegzunehmen. Es wird unklar, ob sie etwas wirklich Erlebtes erzählt, oder es sich nur um ein brutal verzerrtes Echo der alltäglichen Zumutungen handelt: Kinder, die mit Medikamentencocktails stillgestellt oder unter Daunenkissen erstickt werden, Frauen, die sich in der Dusche ertränken.

Weil sie ihre Umwelt im Roman nicht nur genau, sondern pedantisch beobachtet, schärft Sandra den Blick für das Brutale im Normalen. Allmählich kippen die Beschreibungen ins Morbide. Wenn Sandra beschreibt, wie eine genervte Mutter ihrem Kind die Ketchupflasche als Pistole vorhält, wird deutlich, welche unterdrückten Aggressionen hier hervorbrechen. "Jetzt bist du tot", ruft die Mutter dem Kind noch zu.

Sandra will den Gegenbeweis antreten, für eine Gemeinschaft, die funktioniert. Deswegen kämpft sie um ein anderes Sprechen, erlebt "weiterhin riesige Ausschläge nach oben und unten, Schläge, Schreie, Rufe". Die Worte sind am Ende alles, was sie hat.