Als Der Fänger im Roggen Anfang der fünfziger Jahre erschien, glaubte die Nachkriegsjugend endlich jemand gefunden zu haben, der sie verstand. Viel besser verstand vor allem als die eigenen Eltern. J. D. Salinger war Holden Caulfield, da gab es gar keinen Zweifel. Zu wahrhaftig klang das, was der Autor seinen empfindsamen, juvenilen Helden von den letzten drei Tagen vor seinem Nervenzusammenbruch erzählen lässt. Und zu verlockend schien diese poetische Rebellion gegen die Prosa der Erwachsenenwelt. Salinger wurde in der Folge schier erdrückt von den Herzensergüssen, Bittgesuchen und Gunstbeweisen seines Publikums und zog sich zurück in seine Mönchsklause, ein Cottage in Cornish, New Hampshire, um sich ganz der hehren Kunst und spirituellen Sinnsuche – und dem ökologischen Anbau von Nutzpflanzen – zu widmen. Auf Kosten des sozialen, ja irgendwann sogar des Familienlebens.

Salingers Außenseitertum war viel zu selbstbezogen und elitär, um allgemeine Handlungsanweisungen daraus ableiten zu können. Es war schlicht Notwehr gegen die Zumutungen einer Welt, die er bis dahin nur mit viel Glück überlebt hatte. Salinger gehörte zu den ersten Landungseinheiten in der Normandie beim D-Day, kämpfte im Hürtgenwald, an der sogenannten Siegfried-Linie, wo die Alliierten eine ihrer schlimmsten Niederlagen des Zweiten Weltkriegs einstecken mussten, und nahm schließlich auch an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau teil. Er hatte so ziemlich alles gesehen, was Menschen anderen Menschen antun können. Und so wurde für den verwöhnten Jungen aus gutem Haus, der sich anfangs eher aus Langeweile und Eitelkeit als Literat versuchte, Schreiben zu einer Art Selbsttherapie, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. "Ein ganzes Leben reicht nicht aus, um den Geruch von verbranntem Fleisch aus der Nase zu kriegen", zitiert ihn seine Tochter.

Schon vor dem Rückzug in die Eremitage hatte er den Zenbuddhismus für sich entdeckt, und der passte gut zu seinem psychohygienischen Schreibprogramm. Seine Literatur wurde immer offensichtlicher Meditation. Er sah sich schließlich als "Gottes Autor". In einem Brief an seinen Freund, den Richter Learned Hand, formuliert er 1958 sein Glaubensbekenntnis: "Verharre friedlich in der Einheit mit Gott und folge blind dem klaren, geraden Weg deiner Pflichten. Wenn Gott mehr von dir will, dann wird er es dich durch seine Inspiration wissen lassen."

Zu viele Zigaretten

Exponiertes Rebellentum war ihm suspekt. Die Beats, die ebenfalls eine Spiritualisierung des Lebens anstrebten, aber anders als er in die Offensive gingen, auf physische Verausgabung setzten und ihre gesteigerte Daseinslust noch dazu mit programmatischem Geschrei anpriesen, schmähte er entsprechend als "Zen-Töter" und "Hochadel der Schwerhörigkeit", die "an ihren ganz und gar einsichtslosen Nasen entlang auf diesen herrlichen Planeten blicken".

Und als ein in östlicher Philosophie bewanderter Student sich bei ihm in einem Brief beklagte über den schnöden Materialismus seiner Zeit, ganz im Sinne der Salingerschen Helden Holden Caulfield, Franny, Zooey und Seymour Glass, lässt er ihn grandios am langen Arm verhungern. "Für mich", schreibt Salinger, "sind sie vor allem ein junger Mann, der ein neues Schreibmaschinenband braucht. Stellen Sie sich dieser Tatsache, verleihen sie ihr nicht mehr Bedeutung, als ihr zukommt, und dann widmen Sie sich wieder ihrem täglichen Leben."

Wenn man nur noch der göttlichen Inspiration verpflichtet ist, spielt das Publikum ohnehin irgendwann keine Rolle mehr. Der Salinger-Verehrer John Updike hat schon in seiner Rezension von Franny & Zooey, dem vorletzten Buch vor Salingers Verstummen, seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht. "Zooey ist einfach zu lang; es kommen zu viele Zigaretten vor, es wird zu viel geflucht und zu viel wortreiches Getue um nicht genug Inhalt gemacht."

Durchgeknallte Mutter

So ganz unrecht hat er nicht. Die Protagonisten paffen um die Wette, mindestens zwei Schachteln auf den 233 Seiten der deutschen Ausgabe. Darüber hinaus geht es einmal mehr um das Leiden des Heranwachsenden am Spiritualitätsdefizit in der profanen, säkularen, komplett durchrationalisierten Welt. Allerdings ist der Plot fast ganz aufgelöst im Dialog, in einer furiosen, sarkastisch-maliziösen Konversation. Aber hier gelingt es Salinger noch, auch dank der Hilfe William Shawns, seines Mentors beim New Yorker, mit dem er an dem Stück ein halbes Jahr gefeilt hatte, das Gerede halbwegs unter Spannung zu halten, indem er es unterbricht und strukturiert, durch die akribische Beschreibung von Gesten und Alltagshandlungen, durch epiphanische Kleinstbeobachtungen. Und hier ist er auch noch witzig. Die Badezimmer-Unterhaltung Zooeys mit seiner leicht durchgeknallten Mutter Bessie zum Beispiel, die glaubt, Frannys Leiden an der Welt sei am ehesten mit einem Teller schön heißer Hühnersuppe beizukommen.

In den folgenden drei langen Erzählungen langweilt er zusehends. Und seine Figuren werden immer mehr zu Sprachrohren seiner hinduistischen Vedanta-Lehre, der er jetzt anhängt. Vor allem Seymour, der genialisch guruhafte Spross der Familie Glass, der mit sechs Jahren bereits alles über Gott gelesen hat, was die Bibliotheken hergeben. Mittlerweile ist Salinger jedoch ein Bestsellerautor, und so werden Hebt an die Dachbalken, Zimmerleute und Seymour, eine Einführung anstandslos im New Yorker gedruckt, der in den Jahren zuvor durchaus einiges abgelehnt hatte, und erscheinen dann auch noch gesammelt als Buch.