Wer also Jan Wagner liest, der kann sich von den immer wieder atmosphärisch verdichteten, in die Betrachtung einzelner Szenen, Stimmungs- oder Gefühlslagen, die Wagner in jedem Gedicht aufs Neue entstehen lässt, versenken. Und während er das tut, kann er sich, ebenso friedlich und ohne viel Krawall wie Wagner es vormacht, sich von der Eitelkeit einer anthropozentrischen Weltsicht verabschieden.

Vielleicht mag die Lyrik im Literaturbetrieb ein wenig erscheinen wie die Esel, die fern auf der Weide stehen und sich nicht anlocken lassen mögen. Oft ist sie ein wenig fern, scheint manchmal etwas unzugänglich, wobei gar nicht mehr ganz klar ist, wer hier eigentlich nicht auf wen zugeht. Wenn man Jan Wagner liest – was in der Folge des Preises der Leipziger Buchmesse hoffentlich viele Menschen tun werden – dann kann man aber die für manche erstaunlichen Erfahrungen machen, dass Lyrik weder wirklichkeitsabgewandt noch gegenwartsfern ist. Sondern, wenn es gute Lyrik ist, ein Stück verdichteter Wirklichkeitsbetrachtung.

Zurückhaltende, gewitzte Art

Insofern ist es eine glückliche Fügung, dass die Jury des Leipziger Buchpreises ausgerechnet Jan Wagner ausgewählt hat, den man wohl, ohne ihm Unrecht zu tun, als einen Lyriker bezeichnen kann, der dem Gesellschaftsroman gar nicht so fern steht. Nicht nur durch seine Auseinandersetzung mit der Gegenwart, sondern auch durch die klassischen Formen, derer er sich bedient und die zunächst einmal der Rezeption einladend gegenüberstehen. Wagner ist kein Avantgardist, aber seine Lyrik hat es auf eine zurückhaltende, gewitzte Art in sich.

Nimmt man die Literaturpreise als Indikator, dann sind die vergangenen Monate also gute für die Lyrik gewesen. Mit Lutz Seiler hat, zwar für einen Roman, aber doch eben ein Lyriker im Oktober den Deutschen Buchpreis gewonnen. Und kaum eine Rezension, die nicht auf die lyrische Sprachbehandlung von Kruso hinwies. Nicht zu vergessen der grandiose, historisches Gelände durchpflügende Marcel Beyer, der für seinen Gedichtband Graphit nicht nur mit dem Kleist- und Oskar-Pastior, sondern auch noch mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet worden ist. Dass Jan Wagner sich nun in diese Reihe stellen darf, ist mehr als erfreulich.