Jede Geschichte hat vier Seiten: Deine Seite, ihre Seite, die Wahrheit und das, was wirklich passiert ist. Jean-Jacques Rousseau soll das gesagt haben. Oder auch Bruce Sterling. Irgendein schlauer Mensch auf jeden Fall. Für Terry Pratchett hatten Geschichten immer mindestens diese vier Seiten, manchmal aber auch fünf oder sechs oder sieben.

In der Fantasy, sagte der britische Schriftsteller einst, als ihm mal wieder ein Preis verliehen wurde, gehe es nicht nur um Zauberer und alberne Zauberstäbe. "Es geht darum, die Welt aus neuen Blickwinkeln zu sehen."

Pratchett war anfangs Journalist bei einer kleinen englischen Wochenzeitung namens Bucks Free Press. Aber schon als Jugendlicher hatte er erdachte Geschichten geschrieben, Fantasy. Viel kann man damit eigentlich nicht werden, Fantasy gilt den Wenigsten als etwas Wertvolles. Pratchett jedoch wurde damit zum Star. Viele Millionen Menschen lesen überall auf der Welt seine zahlreichen Bücher, sie lachen über seine unfreiwilligen Helden, lieben seine herrlichen Geschichten, vor allem aber seine liebenswerten Sichtweisen auf die Welt.

Denn das vor allem tat er in seinen vielen Büchern: die Welt aus neuen Winkeln sehen. Bereits in einer seiner ersten Fantasyerzählungen, Die Teppichvölker, suchte er eine neue Perspektive zu alltäglichen Dingen: Die Wesen seines Buches leben in einer Welt namens Teppich, schürfen Metall von einem verlorenen Penny, hacken Holz von fallen gelassenen Streichhölzern und fürchten sich vor einem großen Sturm namens Fray, den niemand erklären kann.

Was wir für Wahrheit halten

Hexen sind böse und einsam und verschleppen Kinder? Barbaren sind jung und kraftvoll und erobern Welten? Tyrannen sind unberechenbar und verrückt und unterjochen Völker? Solche Überzeugungen waren Pratchett zu einfach, ja er hielt sie geradezu für gefährlich, weil sie den Blick auf die Realität verstellen. Also brach er mit tradierten Vorstellungen, wo er konnte. "Ich denke über Folklore auf die gleiche Weise, wie ein Zimmermann über Bäume denkt", schrieb er in einem Vorwort zu einem seiner Bücher. Mythen und Überlieferungen waren für ihn ein Rohstoff, den er so lange umbaute, bis er damit die Komplexität der Welt zeigen und alles hinterfragen konnte.

Denn im Mantel der Fantasyerzählung wollte er wohl auch aufklären über das, was Bruce Sterling in seinem Buch Zeitgeist als major consensive narrative bezeichnet hatte: Das, woran die Mehrheit der Menschen glaubt, halten wir für Wahrheit, egal ob es stimmt oder nicht.

Und deshalb sind Hexen bei Pratchett keine Bösewichter, keine Kräuterweiber und keine verbrennenden Hebammen. Bei ihm sind es kluge, pragmatische, schwer arbeitende Frauen mit einem tiefen Verständnis für "Pschikologie" und für menschliche Bedürfnisse, die nichts von Magie halten, praktisches Schuhwerk mögen, sich um das Wohl der Gemeinschaft sorgen und sich vor der Macht eben solcher Narrative fürchten.

Terry Pratchett wusste um die Macht der Erzählungen. Er war nicht nur Journalist, sondern später auch Pressesprecher des Central Electricity Generating Board, einer großen britischen Energiebehörde. Pratchett versuchte zu beschreiben, welche Kraft Narrative entfalten können. Eine Gewalt so groß, dass sie leicht ihre Urheber frisst.

Hinter den Lügen und Mythen

So gab es in seiner Scheibenwelt "Cohen den Barbaren", mächtigster Held und Mädchenräuber seiner Zeit. Doch war er kein Hüne, sondern ein dürrer Mann von 87 Jahren, dem seine eigene Geschichte längst zur Last geworden war. Denn trotz seiner geriatrischen Gebrechen musste er natürlich noch immer rauben und brandschatzen, einfach weil er eben "Cohen der Barbar" war, und alle das von ihm erwarteten.

Auch Lord Havelock Vetinari ist so ein Blickwinkel, der aufgeklärte Despot, der über den Ort herrscht, an dem die meisten von Pratchetts Geschichten spielen: den Stadtstaat Ankh-Morpork. In einer Fußnote – Pratchetts ausufernde Fußnoten sind oft das Beste an seinen Büchern – heißt es über Vetinari: "Ein Tyrann ist demnach jemand, der seine Position durch Gerissenheit, ein tiefes Verständnis für die Tatsachen der menschlichen Psyche, atemberaubende Diplomatie, ein gewisses Können im Umgang mit einem Dolch und durch ein Gehirn wie eine fein ausbalancierte Kreissäge erreicht hat." Das klingt wie die Beschreibung eines modernen Politikers und soll es auch.

Pratchett schuf mit seiner Scheibenwelt, die auf dem Rücken der Sternenschildkröte Groß A'Tuin durchs All treibt, einen Ort, wo es Magie gibt und wo Geschichten wahr werden. Doch schuf er damit nichts weiter als einen Spiegel für die seltsamen Überzeugungen und Gewissheiten, die wir uns im Laufe eines Lebens so zulegen. Er war ein Eulenspiegel, der mit Satire auf Schwächen und Schrullen zeigte.

Mit ihm stirbt die Scheibenwelt

Er hatte die Fähigkeit, durch all die Mythen und Lügen hindurchzusehen zu den eigentlichen Motiven der Menschen. Nie verurteilte er sie dafür. Seine Halsabschneider und Betrüger sind liebenswerte Figuren und Pratchett beschreibt sie mit viel Verständnis für ihre Sorgen, Zwänge und Nöte. Selbst TOD ist bei ihm ein Wesen, das trotz seines grenzenlosen Wissens und seiner absoluten Macht Verständnis für die menschlichen Schwächen zeigt und das niemand fürchten muss.

Für seine Verdienste um die Literatur wurde Pratchett geadelt. 2009 schlug ihn die Königin zum Ritter des britischen Empire. 2010 wurde ihm gar ein eigenes Wappen verliehen, in dem selbstverständlich auch das Ankh zu sehen ist, das Lebenssymbol, das der berühmtesten Stadt der Scheibenwelt ihren Namen gab. Unter dem Wappen steht der Leitspruch Noli Timere Messorem: Fürchte den Sensenmann nicht.

Pratchett litt seit Jahren an Alzheimer und setzte sich mit seinem eigenen Sterben auseinander. Für die BBC produzierte er einen Film über Sterbehilfe und protestierte dagegen, dass diese in Großbritannien verboten ist. Er kämpfte für eine bessere Alzheimerforschung und für Orang-Utans, denn auch die waren ihm wichtig.

Terry Pratchett ist tot, und mit ihm stirbt die Scheibenwelt, die für so viele Menschen zu einer zweiten, dritten oder vierten Heimat geworden ist. Er war, genau wie der leider ebenfalls bereits verstorbene Douglas Adams, einer der großen Denker unserer Zeit.