Obwohl die deutsche Sprache in dem Ruf steht, jederzeit passgenaue Wörter zur Verfügung stellen zu können, ist ausgerechnet für eines der prominentesten Phänomene der Gegenwart kein eigener Begriff vorrätig. Keiner der deutschen Behelfsausdrücke "Peinlichkeit", "Verlegenheit" oder "Betretenheit" beschreibt umfassend die situative Spannung, die im Englischen "Awkwardness" heißt. Auch das Französische kennt kein Wort dafür, aber eine wunderschöne Redewendung "grand moment de solitude". Vielleicht ist das auch gar nicht nötig: Da Englisch nun einmal die Verkehrssprache der Globalisierung ist, sickert die Awkwardness zusehends auch in Europa in den Sprachgebrauch. Gerade die technikaffine Nerd-Kultur kultiviert Awkwardness als Grundformel sozialer Existenz. 

Awkwardness, so kann man das vielleicht zusammenfassen, entsteht immer dann, wenn sich grundverschiedene Milieus begegnen. Wenn also arm auf reich, konservativ auf progressiv, links auf rechts oder muslimisch auf jüdisch trifft. Was in den relativ durchlässigen Einwanderungsländern Europas oder der USA im Grunde ständig passiert: Wenn man seinen Chef morgens um fünf auf der Tanzfläche trifft. Wenn man die Obdachlosenzeitung in der U-Bahn wieder nicht kauft, weil man nur Scheine dabei hat. Wenn man zum ersten Mal bei einer Taufe ist und keine Ahnung hat, wann man dabei genau steht oder sitzt, singt oder gar nichts sagt. Das sind so die Momente. 

In den USA wird seit einiger Zeit auch unter Geisteswissenschaftlern die Frage diskutiert, ob Awkwardness möglicherweise das lang ersehnte Konzept sein könnte, in dem sich alle anderen dominanten ästhetischen Strömungen der vergangenen Jahrzehnte aufheben ließen. Und die Anzeichen verdichten sich, dass es funktionieren könnte. Alles, was auf ästhetischem Gebiet in den vergangenen Jahrzehnten neu war, lässt sich als Versuch beschreiben, irgendwie mit der allgegenwärtigen sozialen Awkwardness umzugehen.

Kein konkretes Programm

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Adam Kotsko schreibt, dass die Awkwardness ihren Siegeszug als gesellschaftliche Grundeinstellung in den sechziger Jahren angetreten hat: Die Bürgerrechtsbewegungen hätten das traditionelle amerikanische Wertesystem im Handstreich über den Haufen geworfen, ohne jedoch eine praktikable Alternative anzubieten, auf die sich alle hätten einigen können. Plötzlich war es zwar einerseits nicht mehr möglich, den radikalen Kapitalismus, das Leitbild der suburbanen Kleinfamilie und die traditionellen christlichen Werte aus ganzem Herzen zu befürworten. Die Grundpfeiler des weißen Nachkriegsamerikas waren als Symbole struktureller Ungleichheit diskreditiert.

Andererseits gab es kein konkretes Programm, anhand dessen die Gleichstellung aller Bevölkerungsgruppen hätte erreicht werden können. Und dieses Programm gibt es bis heute nicht. Der einzige konkrete Fortschritt dieser Ära, schreibt Kotsko, habe in dem Versuch bestanden, eine öffentliche Sprechweise zu entwickeln, die möglichst über sämtliche kulturellen Grenzen hinweg funktioniert. Dadurch ist jenes Idiom der öffentlichen Awkwardness-Vermeidung entstanden, das von den neuen Rechten so unermüdlich als Political Correctness beschimpft wird.

Diese Sprechweise habe allerdings den entscheidenden Nachteil, dass sie konstruiert und künstlich wirkt – und deshalb wiederum awkward. Dadurch komme ein langwieriger Aushandlungsprozess in Gang, in dem die Gesellschaft ständig neue Varianten entwickelt, sich möglichst unawkward zu verständigen, ohne dabei ihre Ideale wie Gleichheit und Respekt zu untergraben. Diese sprachliche Ausweichbewegung vor der Awkwardness habe sich mittlerweile zu einer Prozession entwickelt, die nie ein Ende finden wird, so Kotsko: "Der Verfall der alten ethnischen Hierarchie hat im Hinblick darauf, wie man sich über kulturelle Grenzen hinweg verhält, zu einer neuen Unsicherheit geführt, und der einzige Lösungsvorschlag schien nun darin zu bestehen, das Problem noch zu verschlimmern." Die Flucht vor der Awkwardness hat nur noch mehr Awkwardness hervorgebracht.