Wer Frank Schulz liest, wird bestens unterhalten. Der Hamburger Autor, der gerade den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor erhalten hat, scheint über ein endloses Reservoir an komischen Figuren und schier unerschöpflichen Sprachwitz zu verfügen. Auch in seinem neuen Roman fühlt sich der Leser mitunter geradezu malträtiert vom eigenen Dauerlachen, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt.

Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen ist der zweite Roman, in dem Schulz seinen Hamburger Hartz-IV-Empfänger Onno Viets in die Welt schickt. Diesmal landet Onno als Leibwächter des unter "Victimophobie" leidenden Donald Maria Jochemsen auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer. Dummerweise hat Donald natürlich auch vor einer Kreuzfahrt wahnsinnige Angst und braucht deshalb einen Aufpasser. Besorgt hat Onno Viets den gut bezahlten Job als Kindermädchen des Phobikers sein Rechtsanwaltsfreund Dr. Christoph Dannewitz, der nicht nur Erzähler der ganzen Geschichte ist, sondern zudem Jochemsens Cousin.

Wie bereits in seinem Vorgänger Onno Viets und der Irre vom Kiez kommt es auch in Schulz' neuem Roman nicht so sehr auf den Plot an. Der besteht im Grunde nur aus einer ausführlichen Vorstellung von Onno Viets, der chronologisch, mit ein paar Rückblenden geschilderten Kreuzfahrt, sowie der Katastrophe am Schluss. Dazwischen geschoben sind jeweils von Vetter Donald verfasste Szenen eines grotesken Kasperle-Theaters. Jochemsen, ein "stadtbekannter Vertreter der analogen Bohème", hatte als "DJ Sacknaht" unter dem Titel Kasper Spackennacken. Arien und Szenarien aus Vulgarien einige kurze Puppentheater-Szenen verfasst und damit nicht nur Anerkennung im Feuilleton, sondern auch einen kleinen finanziellen Erfolg einfahren können.

Der depressive Teufel

In seinem Kasperle-Theater für Erwachsene ist Kasper ein Proll, Gretel eine Schlampe, die Großmutter nymphoman und der Teufel ein depressiver Berliner. "TEUFEL am Tresen Nee, ick hab keene Lust mehr! / KASPAR Äch komm! Du häs' immär 'n gu'n Job gemächt. / TEUFEL Ja jut, aba siehste ja, wat mir det jebracht hat. Nee, ick hab keene Lust mehr, wa. Det hat doch allet keen tieferen Sinn mehr. Allet nur noch jrau in jrau ..." Auf der jeweils gegenüberliegenden Seite ist der Text dann als "politisch korrekt" in Hochdeutsch abgedruckt.

Auch jenseits seiner Kasperle-Adaption bleibt Vetter Donald eine ergiebige komische Quelle. Der Grund, warum der Victimophobe überhaupt auf dem Kreuzfahrtschiff Flipper IV landet, ist die Liebe zu einem "30 Jahre jüngere(n) Satansbraten namens Kristin Luise". Kristin Luise tritt in der Theatertruppe des Schiffes auf und will, man hat es kommen sehen, nach anfänglicher Sympathie nichts von dem verzückten Mittfünfziger wissen. Was Vetter Donald jedoch in seiner Liebesblindheit nicht davon abhält, ihr weiterhin nachzustellen und -zureisen. Seine durch den Liebesentzug entstehende Freizeit nutzt er zu immer neuen Höhenflügen der sprachlichen Kreuzfahrtvernichtung. So erfährt Onno etwa zur Innenarchitektur der "Flipper's Bar" Folgendes: "Den Entwurf: ein gemütskranker Trekkie', raunte Vetter Donald. 'Gemütskrank', sage ich. Und die Umsetzung ... die Umsetzung ein heillos zerstrittenes Kombinat. Mit signifikantem Anteil transsexueller Hobbyschreiner ... likörsüchtiger Landfrauen ... und farbenblinder Astrologinnen. Und für die Glitzerelemente eine Voliere Elstern."

Frank Schulz' titelgebender Antiheld selbst hingegen, jener Mann mit dem "Charisma für Arme", sagt wieder einmal wenig bis gar nichts. Mit seinem stoischen Schweigen und seinen treuherzigen Augen würde er jedoch seinerseits wohl selbst einen Betonpfeiler zum Sprechen bringen. Seine Fähigkeit zum endlosen Zuhören macht ihn zum idealen Psychotherapeuten für Vetter Donald. Und für den Roman von Schulz zu einem erzählerischen Medium.