Eine englische Übersetzung des Nachrufs finden Sie hier

"Er ist ein Meister der Beschwörung", heißt es in Günter Grass' autobiografischem Buch Beim Häuten der Zwiebel über einen Koch, der kurz nach dem Krieg im Gefangenenlager einen "Kochkurs für Anfänger" anbietet. Bilderreich, opulent, sinnlich berichtet Grass von den Spezialitäten, die der Koch den hungrigen Schülern darbietet. 

Natürlich gab es damals keine Zutaten, nur die sprachliche Erweckung verlockender Speisen, die den Kursteilnehmern das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Auch der 1927 in Danzig geborene Günter Grass ist ein Meister der Beschwörung gewesen, auch er ließ aus dem Nichts mit seiner Fabulierlust etwas Reales, zuweilen sogar Poetisches entstehen – vor allem in seinem an die Avantgarde andockenden und zugleich barocken Frühwerk kann man schmecken, riechen, fühlen. Und es ist dieses Frühwerk, das ihm Weltruhm eingebracht hat: Die Blechtrommel, 1959 erschienen, machte den als Bildhauer ausgebildeten Grass über Nacht zu einem Literaturstar. Schon seine Lesung bei der Gruppe 47 im Jahr 1958 ließ die Vitalität dieses Autors erahnen. 

Die Blechtrommel wurde der Schelmen- und Epochenroman, der vielleicht am prägnantesten das in sich barg, was man Nachkriegsliteratur genannt hat: das Anknüpfen an die literarischen Strömungen der Vor-Nazi-Zeit – bei Grass insbesondere die Verehrung für Alfred Döblin –, die Öffnung hin zu avancierter fremdsprachiger Literatur und die Vertreibung der Geister des Dritten Reichs. Ebenso wie sein Debüt waren auch die Hundejahre (1963) als Teil der Danziger Trilogie eine ästhetische Auseinandersetzung mit der Moderne und der Hitler-Diktatur.

Grass wurde in diesen Anfangsjahren, in denen er als Romancier, Lyriker, Dramatiker und bald auch als Zeichner hervortrat, rasch zu einer öffentlichen Figur. Nicht nur als Strippenzieher in Literaturkreisen galt sein Wort etwas, sondern auch in der sich langsam formierenden bundesdeutschen Zivilgesellschaft. Diese Rolle nahm Grass gerne an: Als Redner für die "Es Pe De", als Mahner und Warner und Deuter. 

Genialische Frühzeit

Die fast schon ikonographische Rolle aber war zugleich das große Problem des Schriftstellers Günter Grass: Je mehr er in ihr aufging, desto stärker wurde auch sein Werk davon infiziert. Die Wahrnehmung richtete sich auf den engagierten Autor, aber zunehmend weniger auf den Literaten. Immer noch konnte Grass in Werken wie Das Treffen in Telgte (1979) etwas aufscheinen lassen von seiner Sprachkraft; aber vieles von dem, was in den siebziger und achtziger Jahren erschien, reichte nicht heran an seine genialische Frühzeit.

Die Kritik ging nicht selten harsch um mit den Büchern von Günter Grass – am symbolträchtigsten ist vielleicht der Spiegel-Titel des Jahres 1995, auf dem Marcel Reich-Ranicki abgebildet ist, der wütend den Roman Ein weites Feld eben nicht ver-, sondern förmlich zerreißt. Das Publikum aber hielt Grass seit den frühen Erfolgen die Stange: Fast jedes seiner Bücher wurde zum Bestseller. Sein Renommee als öffentliche Figur überstrahlte nicht selten sein blasses mittleres und spätes Werk.

Er liebte die Polemik

Im Jahr 1999 erhielt Grass den Nobelpreis – die Würdigung war ein sehr spätes Echo auf Die Blechtrommel, eine Auszeichnung für ein Lebenswerk, in dem irgendwann Literatur, der Wille zur großen Geschichtsdeutung und tagespolitische Interventionen in eins zusammenfielen. "Vergegenkunft" nannte Grass den Versuch, Vergangenes aus der Perspektive des Jetzt gegenwärtig zu machen. Spätestens mit dem Nobelpreis war er auch im Ausland zum staatstragenden Dichter, zum deutschen Nationalschriftsteller geworden, als den er sich selbst bereits seit den sechziger Jahren empfunden haben muss.

Angekratzt wurde das Image der moralischen Instanz noch einmal in der Debatte um Grass' Mitgliedschaft – er war damals 17 Jahre alt – in der Waffen-SS, die er in einem Kapitel seines Buches Beim Häuten der Zwiebel (2006) bekannt hat. Er habe erst eine literarische Form finden müssen, um all die verkapselten Erlebnisse aufbrechen und erzählen zu können, sagte er 2006 bei einer Veranstaltung in der Frankfurter Oper. "Um das Buch zu schreiben, muss man Jahrzehnte gelebt haben", warf er seinen Kritikern vor, die Grass wiederum sein verspätetes Bekenntnis vorhielten. Der "autobiographische Roman" tat seine Wirkung: als mediales Großereignis, als Gelegenheit zur Abrechnung – aber eben auch als Literatur.

Auf der Ebene des Feuilletons

Günter Grass hat nie einen Bogen um Podien gemacht; und er machte nie einen Hehl daraus, zu allen weltpolitischen Ereignissen etwas sagen zu können. Er liebte die Polemik. Und nutzte jede Gelegenheit, gegen das verhasste Feuilleton zu Felde zu ziehen. Bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte, der Gedenkfeier für Christa Wolf im Dezember 2011, nahm er die Verstorbene in Schutz gegen die seinerzeit von manchen Kritikern gegen sie erhobenen Vorwürfe, zu eng mit dem DDR-System verbandelt gewesen zu sein. Der Kern seiner damaligen Rede bestand in einem Angriff auf einzelne Journalisten – aber er meinte damit die gesamte Zunft, der er Niedertracht unterstellte.

Grass verachtete das Sekundäre. Und ließ sich als Stratege im Literaturkampf gleichwohl immer auf die Ebene des Feuilletons und des Leitartiklertums herab. Das machte ihn populär, gefürchtet und irgendwann auch zu einer anachronistischen Gestalt: einer der letzten der engagierten Literaten und Propheten, die in einer längst gewandelten Öffentlichkeit wie Dinosaurier wirkten.

Beim Häuten der Zwiebel zeigte gleichwohl noch einmal, worin die eigentliche Stärke dieses Autors zu finden war: in der Sprache. Das Bild der Zwiebel mit ihren verschiedenen Schichten verweist auf die schriftstellerische Arbeit, auf das Aufblättern der Erinnerung – und in diesem autobiografischen Werk gibt es tatsächlich Passagen, die Sogkraft entwickeln, den Klangkünstler ausstellen. Grass war vielleicht kein politischer Autor; aber ein Schriftsteller, der sich auch auf Kosten des Werks in die Politik hineinbegab. Bleiben werden seine frühen Romane. Nun ist Günter Grass im Alter von 87 in Lübeck gestorben.