Häretiker sind im Literaturbetrieb eine sehr rare Spezies. Das hat strukturelle Gründe. Denn es gibt kaum noch Möglichkeiten, eine Form der radikalen Abweichung, der schroffen Dissidenz zu finden, mit der man sich ab­grenzen könnte von einem alle Gegen­sätze ver­schluckenden Kultur­konformismus. Ein großes Wohlgefallen, das sich als kulturelle Liberalität drapiert, deckt alle Widersprüche und literarische Frontenbildungen zu.

Aus dieser ubiquitären Friedfertigkeit will die in Berlin lebende Lyrikerin Mara Genschel aussteigen. Die 33jährige Dichterin propagiert die Zertrümmerung der großen "Affirmationsmaschine" Literaturbetrieb. In einem Kommentar für die lyrikzeitung, seit Jahren das Onlinezentralorgan für wilde Lyrik-Debatten, forderte sie kürzlich ihre Kollegen zur robusten Intervention auf: "Pöbel mal, Lyriker!" 

Genschel setzt auf die große Verweigerung, auf die Abwehr aller gefälligen Literaturrituale, auf Poesie als Störfall. Den einzigen Weg für eine widerständige Poesie sieht sie im Gekritzel, im Durchstreichen der dichterischen Aura, in der Destabilisierung der Textautorität. Ihre Graphomanie setzt dabei auf einen extremen Minimalismus, auf die immer stärkere Skelettierung der Texte, bis fast nur noch das Weiß einer Heftseite als "Referenzfläche" zurückbleibt.  

Kokette Performances

Als 2008 ihr Debüt Tonbrand Schlaf in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschien, wurden ihre Gedichte vorschnell als selbstbezügliche Marotten und epigonale Aufwallungen im Gefolge Thomas Klings abqualifiziert. Seither arbeitet Mara Genschel an der Sabotage aller Üblichkeiten. Wenn sie zu einer Lesung eingeladen wird, müssen die Veranstalter mit sehr eigenwilligen Auftritten rechnen, langen Schweigepausen, gestischen Schrägheiten, koketten Performances. Bei einem Festival für experimentelle Literatur im österreichischen Linz bestand ihre Lesung mehr aus herausfordernden Blicken ins Publikum als aus der Darbietung von Gedichten.

Die Textgestalt traditioneller Lyrik hat die Autorin mittlerweile hinter sich gelassen. Die herkömmlichen Ordnungsprinzipien – Verse, Strophen, Reime – werden außer Kraft gesetzt durch verschiedene Formen der Überschreibung des Urtextes. Die geborgte Aura poetischer Texte soll zerstört werden, mit groben Streichungen und handschriftlichen Eingriffen in die Verse. Ein Gedicht über "cleanes Deutsch" übermalt sie mit der Vokabel "KOTZ" in Spiegelschrift. Selbst der eigene Name bleibt von der ästhetischen Depotenzierung nicht verschont. 

Auf dem Cover des aktuellen Materialbands, den der Independent-Verlag Reinecke & Voß soeben der unorthodoxen Künstlerin gewidmet hat, ist der Name überkritzelt und zum "MA / GEN / Material" geschrumpft. In diesem Band setzen sich die ebenso exzentrische Ann Cotten und die kundigen Avantgarde-Spezialisten Michael Gratz und Meinolf Reul in bewundernswert subtilen Annäherungen mit dem rohen Avantgardismus der Mara Genschel auseinander.  

Radikaler Reduktionismus

Als Künstlerin ist die große Nein-Sagerin trotz ihres Ausstiegs aus der kleinen Lyrik-Community weiterhin sehr präsent, weil sie ihre Texte in von ihr selbst produzierten Heften veröffentlicht, die sie in einer Kleinstauflage von 50 Exemplaren vertreibt (www.referenzflaeche.com). Genschels "Referenzfläche", die in Auszügen auch im Materialband wiedergegeben wird, ist als work in progress angelegt. Die experimentellen Gedichte im ersten Heft werden in den darauffolgenden Ausgaben von fast stummen Anti-Gedichten abgelöst, die nur noch wenige Wörter enthalten und ansonsten aus collagierten Fundstücken und Readymades bestehen. Radikaler Reduktionismus ist hier Programm. In einem ironischen Versuch über Erhabenheit, der sich "ERHABENES für G. Falkner" nennt, und sich über zwei Seiten erstreckt, beschränkt sich der Textteil auf die kurze Gebrauchsanweisungsnotiz "(entnehmbar)". Ansonsten sind zwei Streifen Tesafilm auf die zwei Seiten des mit edlem Papier ausgestatteten Heftes geklebt. Das Erhabene, so kommentiert hier Meinolf Reul, besteht in der unregelmäßigen Faltung der Tesafilmstreifen, "über die man mit dem Finger fahren kann".