Kalifornien, so lautet eine gängige Metapher, sei wie ein Pfirsich: Außen samtweich und schön anzusehen, innen so hart wie ein Stein. Es ist ein Sehnsuchtsort, an dem sich die Illusionen all jener treffen, die ihre Träume verwirklichen wollen, um dann nicht selten an ihnen zu scheitern. Aber das macht nichts: Es gibt immer eine neue Chance in diesem Land der Aufbrüche und neuen Anfänge.

Auch die Figuren aus Amy Hempels Erzählband Was uns treibt haben sich irgendwann nach Kalifornien aufgemacht. Jetzt sitzen sie am Strand und beißen sich an den Kernen ihrer Träume die Zähne kaputt.

Gescheitert sind sie oft, ihr Leben jedenfalls ist eher kein Spaß. Sie durch Was uns treibt ein Stück weit zu begleiten, ist trotzdem ziemlich spaßig. Hempels Texte nämlich sind meisterhaft. Dementsprechend ist es ein großes Glück, dass ihr Debüt-Erzählband, der schon 1985 in den USA erschienen ist, gerade ins Deutsche übersetzt wurde.

Hempel erzählt so sinnenreich, dass man als Leser die Südfrüchte reifen spürt. Gleichzeitig liegt in ihrem Ton stets eine kühle Distanziertheit, die das Erleben der Figuren geradezu schmerzlich intensiviert.

Es sind Figuren am Rand, Figuren, die stillstehen, während die bedrohliche Außenwelt um sie herum droht, zu kollabieren. Das Wasser zittert, die Straßen flirren, Fruchtsäfte tropfen langsam auf irgendwelche Oberflächen. Gleich muss etwas passieren. Doch es passiert: nichts. Alles liegt in der Schwebe, die Luft surrt von einer bis kurz vorm Zerreißen gespannten Intensität.

Turbulenzen in wolkenfreier Luft

Zwischendurch schauen die Figuren aus dem Fenster, über die Straße zum Strand, zögern und sagen in halblautem Ton: "Ich kann mich nicht daran gewöhnen, am Strand zu leben, auf diesen feuchten Horizont zu schauen. Wir sind am Rand, am Gangplatz der Nation." Bestimmt ist es dabei ein bisschen zu warm, die Hitze drückt jedenfalls.

In den USA gehört die 63-jährige Hempel schon lange zu den ganz großen Erzählerinnen und ihre Kurzgeschichten zählen zum Standardrepertoire der amerikanischen Schreibschulen. Chuck Palahniuk schrieb einen Text darüber, dass jeder, der einmal Amy Hempel gelesen hat, ruiniert sei. Weil ihre Sprache so beeindruckend ist, dass sie einen nur einschüchtern kann.

Um das nachzuvollziehen, kann man sich jeden beliebigen Satz Hempels herauspicken. Ihre Beschreibungen pulsieren vor Innenspannung und sind dabei so pointiert, dass es einem beim Lesen die Luft zuschnürt: "Was uns gefährlich scheint, ist es oft nicht – schwarze Schlangen beispielsweise. Oder Turbulenzen in wolkenfreier Luft. Dinge aber, die einfach ruhig da liegen, wie dieser Strand, strotzen vor Hinterhalt. Gelber Staub steigt auf, die Hitze lässt Melonen über Nacht reifen – es ist Erdbebenwetter: Du kannst hier sitzen und die Fransen deines Badetuchs flechten – und mit einem Mal wird der Boden fortgesogen wie in einer Sanduhr. Die Luft brüllt."