Er war 31 Jahre alt, als er 1985 in Ungarn seinen Debütroman Satantango veröffentlichte. Doch László Krasznahorkai musste 58 werden, um dessen Übersetzung ins Englische zu erleben. Sein zweites Buch Die Melancholie des Widerstands erschien in dem Jahr, als der Eiserne Vorhang fiel und brauchte nur bis 1998, um die anglophone Welt zu erreichen. Krieg und Krieg, im Original zur Jahrtausendwende erschienen, schaffte es schon in sechs Jahren.

Wenn ihm nun, im Alter von 61 Jahren, in London der mit 60.000 britischen Pfund dotierte Man Booker International Prize für ein Lebenswerk verliehen wurde, das nur zum Teil auf Englisch vorliegt, zeugt das von den seltsam verschlungenen Wegen, die manche Schriftsteller gehen müssen, um international Gehör zu finden.

Es ist verlockend, das auch mit den langen, verschlungenen Sätzen in Verbindung zu bringen, die seine Prosa ausmachen, ihren repetitiven, zirkulären und doch immer wieder auf Auswege sinnenden Strukturen. 

Gewaltiger Schriftstrom

Krasznahorkais englische Stimme George Szirtes – er teilt sich zusammen mit Ottilie Mulzet den mit 15.000 Pfund dotierten Übersetzerpreis – erkennt darin einen "langsamen Lavafluss des Erzählens", einen "gewaltigen schwarzen Schriftstrom", und die Jury unter dem Vorsitz von Marina Warner würdigt ihn in seiner höchst eigenen Musikalität: "Der Ton wechselt vom Feierlichen zum Verrückten, von da zum Komischen und Verzweifelten." In ihrer epischen Gestalt sei seine Sprache "wie eine Fusselrolle, die alle Arten verquerer und unerwarteter Dinge aufnimmt, die unaufhaltsam zu ganzen Absätzen anwachsen."   

Krasznahorkai selbst hat sein Verfahren kurz vor der Preisverleihung in selbstironischer Untertreibung so beschrieben: "Buchstaben; dann aus Buchstaben Wörter; dann aus diesen Wörtern einige kurze Sätze; dann mehr und längere Sätze, hauptsächlich sehr lange Sätze, und das seit 35 Jahren. Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle."

Wovon wird erzählt? Die Booker Prize-Jury unterscheidet zu Recht zwischen den frühen Büchern, die ein sich unerbittlich verfinsterndes, in Agonie verfallenes Ungarn entwerfen, und den späteren, die sich wie der Erzählungsband Seiobo auf Erden in lichtvollere asiatische Räume begeben: Der Titel bezieht sich auf eine japanische Göttin und ihre nur alle 3.000 Jahre erblühenden Pfirsiche. 

Hausgott Kafka

Sosehr Krasznahorkai aber in bleiernen ungarischen Jahren und auf ausgedehnten Reisen durch die Welt einen Anschauungsunterricht genossen hat, dessen landschaftliche und kulturelle Elemente sich identifizieren lassen, so wenig sind seine Texte auf topografische Wiedererkennbarkeit angelegt. Sie spielen letztlich ganz im Imaginären, in einem ganz aus der Sprache geborenen Denken, das sich sowohl in seiner unendlichen Freiheit wie im In-sich-Gefangensein erlebt. Krasznahorkais Hausgott Kafka steht dafür ebenso wie Samuel Beckett, dessen Texte auch die Londoner Jury als verwandt beschreibt. Unaufhebbar ist nur die Verankerung im Ungarischen, dessen Konstruktionen auch die besten Übersetzungen nur nachahmen können: Man muss Krasznahorkai daher mindestens einmal die eigenen Texte vortragen haben hören.