Wie poppig ist Pop heute noch? Sicher, Bücher wie Tex Rubinowitz' amüsante Hallodri-Studie Irma oder auch Sibylle Bergs Der Tag, als meine Frau einen Mann fand sind mehr als aufgewärmte Faserland-Kost, insofern sie Markenfetisch, Oberflächenästhetik und Beziehungskisten doch stets mit individuellen Erfahrungen und gewieften Formspielereien verknüpfen. Doch in der Masse der gegenwärtigen Neuerscheinungen, insbesondere in der Adoleszenzliteratur, mag die Hitzephase des coolen Pop-Genres überschritten sein.

Und trotzdem werden einige nicht müde, sich seines hippen Inventars munter zu bedienen. So auch Victor Witte in seinem Coming-of-Age-Roman Hier bin ich. Es wird gepost, gefacebookt, mit dem Sex-Appeal von Automarken angegeben, getrunken und mit allerhand Stoff für Nase und Mund auf dicke Hose gemacht. Dass der Autor dazu jedoch eine eher skeptische Haltung bezieht, lässt sich an der Gestaltung seines Icherzählers Leo ablesen. Denn integer ist dieser Verschnitt aus Testosteron-Rampensau und Typ aus harter Schale und weichem Kern keineswegs. Sein Blick ist der einer von stetem Rausch und Optimierungswillen befallenen Ego-Gesellschaft. Seine Selbstbestaunungen vor den Spiegeln zeugen von narzisstischem Wahn, seine obsessive Fitness von der völligen Ideologisierung des Körpers als leistungsfähiger Maschine.

Was zählt, ist nur die Fassade, ein standardisiertes Blendertum. Indem uns Witte allerdings konsequent an die Wahrnehmung seines pubertierenden Eiweiß- und Drogen-Bad-Boys bindet, hält er gerade die für Leo nötige Außensicht zurück. Letzterem fehlt das Korrektiv, ein zugewandtes Gegenüber, weshalb seine Selbststilisierung zielgenau auf den Selbstverlust zusteuert.

Bizepsproben und Überdosen

Das ständige Lockersein gleicht einer kaum zu bewältigenden Herkulesaufgabe: Inmitten seines Freundeskreises, einer sexgeilen Blendergemeinschaft, bemerkt er unverrücks seine Kieferanspannung: "Da merke ich den Druck auf meinen Backenzähnen. Ich muss sie schon seit einer ganzen Weile gegeneinanderpressen, wie eine Maulsperre fühlt sich das an." Doch wofür dieser hohe Preis? Wofür all die Bizepsproben, die Markenshirts und nächtlichen Überdosen? Auch die noch so selbstverliebten Jungs suchen eben heiße Mädchen. Im Kopf schlagen die Hormone Purzelbäume. 

Es überrascht nicht, dass die Stecher-Clique während der Szenepartys unentwegt Hintern und Oberweite vermisst, oder sich deren Mitglieder selbst gedrehte Angeber-Sexvideos zuschicken. Die Gender-Klischees scheinen in dieser inszenierten, und von YouPorn infizierten Jugend so gegenwärtig wie selten zuvor. Dass Witte den sexistischen Blicken und den sich um weibliches Frischfleisch entzündenden Rudelkämpfen der Männer einen derart breiten und gleichsam ironisch gebrochenen Raum zubilligt, zeigt: Hier ist ein wahrer Kulturkritiker am Werk. Sein Debüt erzählt von der Herausforderung der Identitätsfindung im digitalen Zeitalter, wo Pornografie und Körperfetisch die innere Wahrnehmung gänzlich zu besetzen drohen.