Wer in den vergangenen Tagen den Texten des Bachmannpreises gelauscht hat, dem wird womöglich aufgefallen sein, dass Unfall, Tod, Gewitter, ein wie auch immer gearteter Knall probate poetologische Mittel sind, um eine Geschichte zum Abschluss zu bringen, um den Ausstieg zu schaffen aus einer Erzähl- und Denkbewegung.

Dass die Literatur damit den realen Ereignissen durchaus ähnlich ist, offenbarte die Abstimmung über den diesjährigen Bachmannpreis. Dass Teresa Präauers Oh Schimmi, diese irrwitzig witzige Entkleidung des in seinem eigenen Kosmos kreisenden Mannes, die zugleich eine musikalische, mit Illusionen zaubernde Komposition ist, weder den Haupt- noch einen der Nebenpreise gewann, kann man nur als bedauerlichen Fehler im System verstehen. Wobei das Dilemma dieses Systems bei diesen Tagen der deutschsprachigen Literatur nicht zuletzt darin bestand, dass es mehr starke Texte gab, als Preise zu verleihen waren. Was einerseits Anlass zur Freude ist, dem wohnt in diesem Fall auch eine ziemlich verdammte Tragik inne, für die genau genommen niemand etwas kann: "U-u-u-u-u, do-The-Monkey-Blues."

Singen muss man diesen auch um Esche von Monique Schwitter, die in einer erstaunlichen Gleichzeitigkeit von Leichtigkeit und genauer Form, Schrägheit und Emphase über die existenziellen Fragen des Lebens und Liebens kreiste. Ähnlich steht es um den atmosphärisch dichten Text Es ist weit bis Marseille von Katerina Poladjan, der aus unerfindlichen Gründen noch nicht einmal für die Shortlist nominiert wurde. Das einzig Tröstliche: Sowohl von Schwitter wie auch von Poladjan werden bald Romane erscheinen.

Man kann es als eine seltsame Symptomatik lesen, dass in den beiden Texten in je ganz eigener Weise über den Verlust, das Verlieren von geliebten Menschen und das Aushalten des Verlustes erzählt wird. Natürlich kann Literatur diesen Verlust nicht ersetzen, aber immerhin kann sie etwas an die Stellen setzen, wo diese Lücken klaffen, indem sie eine Sprache für den Verlust findet.

Immer wieder konnte man in den vergangenen Tagen hören, wie das gelingt. Auf beinahe wundersame Weise der jungen Österreicherin Valerie Fritsch, die für ihren Text Das Bein sowohl mit dem Publikumspreis als auch mit dem Kelag-Preis, der in Klagenfurt als eine Art zweiter Preis gehandelt wird, ausgezeichnet wurde. 

Schmerzende Scham

In Fritschs leisem, sinnlichen Text, der dennoch mit einer frappanten Wucht Bild um Bild zu erzeugen vermag, wird der Beinstumpf eines alten Vaters zum Sinnbild für einen Verlust, eine Versehrtheit, die eben nicht einfach so zu kompensieren ist durch eine Prothese, die nur notdürftig kaschiert werden kann, eine Leerstelle, die der alte Mann mit schmerzender Scham zu verbergen sucht. Nicht nur vor dem Blick seines Sohnes. "Der Stumpf war ihm ein Geheimnis, das er mit niemandem teilen mochte, eine Intimzone, die er beschützte und so sorgfältig versteckte wie sein Geschlecht." Vor sich selbst aber kann der Vater den Stumpf nicht verbergen. "Mit der Zeit wurden die Gefühle des abgetrennten Gliedes zum Schmerz. Mal schneidend, mal wie ein Stich überkam er ihn. Tag und Nacht suchte den Vater ein krampfartiges Brennen heim. Die beschädigten Nerven des Stumpfes sendeten unaufhörlich Signale, die das Hirn nicht deuten mochten. Es kam ihm vor, als wäre sein Bein beseelt, aber nicht Fleisch geworden, als habe sein Hirn sich nicht an seine neue Form gewöhnt (...)."