Die Frage, ob Literatur und Fernsehen natürliche Feinde sind, wird immer wieder gern gestellt. Diskutiert im eigentlichen Sinne wird sie weniger, weil gemeinhin die Antwort klar scheint: Selbstverständlich sind sie das. Und selbstverständlich ist in der Rangfolge der Fressfeinde das neuere Medium dasjenige, das das ältere verschlingt. Oder doch zumindest übel zurichtet.

Nicht zuletzt deshalb sind die Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur, wie der Bachmannpreis mittlerweile offiziell heißt, ein Spektakel, das die Aufmerksamkeit der Literaturbranche fesselt. Während der dreitägigen Lesungen von vierzehn Schriftstellerinnen und Schriftstellern wird die Literatur auf die mediale Belastbarkeitsprobe gestellt. Nicht nur coram publico und vor der Jury im Klagenfurter Sendesaal, sondern eben auch in der TV-Übertragung, die den gesamten Marathon mitmacht und seine Inszenierung bestimmt.

Unter dieser Perspektive kann man den ersten Tag des Klagenfurter Wettlesens durchaus als einen symptomatischen verstehen. Funktioniert hier Literatur nur, wenn sie sich den Bedingungen des Medialen unterordnet oder gar aus diesen selbst erst generiert wird? Oder aber bewahrt sie eine Beharrlichkeit, eine Eigensinnigkeit, die durch den Auftritt im medialen Zirkus keinen Schaden nimmt? Die Lyrikerin und Poetry-Slammerin Nora Gomringer lieferte in einer vom Publikum reichlich beklatschten und belachten Textperformance ein Musterbeispiel für einen Wettbewerbstext, der, wie der Juror Klaus Kastberger der allgemeinen Emphase seiner Mitstreiter entgegenhielt, nur um des Wettbewerbs willen existiere.    

Gomringers Text Recherche ist eine Kompilation aus Stimmen, in deren Mittelpunkt pikanterweise ihre Schriftsteller-Kollegin und Namensvetterin Nora Bossong steht, die in einem Mehrfamilienhaus dem Tod – oder womöglich Selbstmord – eines dreizehnjährigen Jungen nachspüren will, um daraus einen Roman zu machen. Literaturbetriebs-Meta-Meta-Ebene ist das mindestens, und zweifelsohne von Gomringer auch fabelhaft vorgetragen.

Worüber aber lachen wir, wenn wir Nora Bossong in diesem Text beobachten, wie sie eifrig Interviews führt oder wie sie konsterniert vor einer Wohnungstür steht, die ihr soeben vor der Nase zugeschlagen wurde, nachdem sie gerade noch freundlich ein Buch signierte? Oder wenn wir lesen: "Nora Bossong wird angerührt von einem kleinen Mädchen"? Lachen wir nicht zumindest ein Stück weit darüber, dass es nur ein Schnippen mit dem Finger ist und derjenige, der sich sonst die Welt und seine Bewohner zum Material nimmt, nun plötzlich selbst zur Marionette einer Schriftstellerin wird? 

Ein versehrtes Leben

Effekt geglückt, das muss man Nora Gomringer bescheinigen. Und freilich nicht ohne Hintersinn. "Vieles am Schreiben ist widerlich. Weil es Voyeure anzieht und die Herzlosen", heißt es an einer Stelle in Gomringers Text. Als Klagenfurter Selbstbefragung wird das kaum noch zu schlagen sein. Und als Beweis dafür, wie Literatur die medialen Bedingungen, in die sie verortet ist, mit deren eigenen Mitteln, wenn nicht schlagen, aber doch Funken aus ihnen schlagen kann, zweifelsohne ebenfalls.

Einen komplett anderen Zugang und ein komplett anderes Verständnis von Literatur offenbarte der fünfte und letzte Text dieses ersten Tages, der einen erfreulich starken Tag beschloss. Die 1989 geborene Valerie Fritsch las mit Das Bein einen Text, der mit stillem Pathos und Bildmächtigkeit die Eigenständigkeit und Unkorrumpierbarkeit von Literatur behauptete, die sich nicht nach medialen oder anderen Zusammenhängen zu richten hat. Fritsch entwirft in ihrem Text ein morbides Tableau eines versehrten Lebens, nur die Natur selbst scheint noch unbeständig zu sein in dieser Welt, während die Menschen der Vergänglichkeit anheimgeworfen sind. 

Die Jury schien zu berührt sein von diesem Text, in der ein Sohn den alten, beinamputierten Vater in dessen letzten Tagen begleitet und immerzu nur darauf wartet, diesen im Schlaf sehen zu können, wenn die Maske des Schmerzes sich aus dem Gesicht des Vaters davongeschlichen hat. Etwas ganz Erstaunliches birgt Fritsch’ Text zudem: Ohne dass es sich als angestrengte Aktualisierung über die beinahe magische Atmosphäre des Textes legen würde, kann man ihn doch als eine Reflexion über eine Welt der zunehmenden technologischen Selbstermächtigung des Menschen lesen. Der alte Vater verweigert die Prothese, will den Stumpf, die hässliche Versehrtheit nicht kaschieren. Dass er am Ende den Freitod wählt, ist seine Art, die Autonomie zurückzugewinnen. Und dass der Text von Fritsch mehr noch als der ebenfalls stille, atmosphärisch-dichte Auftakttext von Katerina Poladjan in Klagenfurt so viel Gehör empfing, zeigt allemal, dass die Frage nach Literatur und Fernsehen und Inszenierung noch lange nicht beantwortet ist.