Wer meint, aus Quoten reflexhaft Aussagen über das Wesen der Gegenwart ableiten zu können, betreibt gewollt oder ungewollt eine Reduzierung von Komplexität. Womöglich sogar eine Verdrehung. Klingt alles gut, passt scheinbar perfekt, ist bloß leider nicht unbedingt richtig.

Eingedenk dieser Gefahr einer vorschnellen Komplexitätsreduzierung ist an dieser Stelle bisher die – verglichen mit den aktuell allenthalben kursierenden Quoten – einigermaßen spektakuläre Geschlechterquote der für den Bachmannpreis nominierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller verschwiegen worden.

Nun aber, da alle vierzehn Texte gelesen und diskutiert worden sind, die Jury sich zurückgezogen hat, um morgen Vormittag über die Preisträger abzustimmen, soll sie doch genannt sein: Zehn Schriftstellerinnen standen vier Schriftsteller-Kollegen gegenüber. Und wenn an dieser Stelle nun gleich noch die Prognose angeschlossen wird, dass es auf jeden Fall eine Frau sein wird, die morgen den Bachmannpreis entgegennehmen wird, dann hat das nichts mit Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun. 

Stattdessen ganz einfach damit, dass auch die Schriftstellerinnen, die am heutigen dritten Tag des Wettbewerbs ihre Texte lasen – Anna Baar, Teresa Präauer und Dana Grigorcea auf je eigene, aber jede für sich auf beeindruckende Weise vermittels ihrer poetischen Sprache die Wirklichkeit ebenso durchdrangen, wie sie Wirklichkeit – oder auch vermeintliche Realität – zuallererst entstehen ließen. 

Das Weibliche dieses Schreibens, wenn eine notwendigerweise verkürzte Pauschalisierung hier einmal gestattet sei, besteht bei diesen Texten darin, dass die Schriftstellerinnen das Wahrnehmen, das Lauschen, das Abtasten des Erfahrenen und Gedachten dem Schreiben ganz offensichtlich vorausgehen ließen, um es sich anschließend in einem ebenso reflektierten wie artifiziellen, souveränen und eigenwilligen Prozess anzueignen.

In ihr eigenes Trommeln verliebt

Das mag eine Selbstverständlichkeit, eine Grundbedingung von Kunst überhaupt sein, ist es aber in dem Moment nicht mehr, wo man sich anschaut, was die vier Schriftsteller in ihren Texten machten. An einem Text wie dem von Jürg Halter konnte man nachgerade idealtypisch beobachten, wie ein Schriftsteller mit dem großen anthropologischen und metaphysischen Besteck klappert und vor lauter Pose bedauerlicherweise gar nicht mehr bemerkt, dass der eigene Text die behaupteten Ansprüche in keiner Weise zu erfüllen vermag. Ganz ähnlich war es schon in den Texten von Sven Recker oder Peter Truschner, in denen laut trommelnd die harten sozialen Themen angegangen werden sollten, aber auch hier waren die Autoren so in ihr Trommeln vertieft und verliebt, dass sie jenseits von diesem relativ wenig wahrnahmen.

Wie irrsinnig gut, dass Literatur ein Terrain ist, auf dem ein solcher typisch männlicher Eroberergestus (von dem gewiss auch mal weibliche Wesen befallen sein mögen) mit leichter Hand entzaubert wird.

"Was ist mit dem Schweizer Mann los?", wandte sich einmal an diesem Vormittag der Juror Klaus Kastberger an seinen Kollegen Juri Steiner, der, das soll nicht verschwiegen werden, Kastbergers fabelhafte rhetorische Dauerpieksereien mit Grandezza parierte. Man könnte die Frage noch weiter und weg von der Literatur und den angetretenen Autoren führen. Was ist mit dem Mann los? Glücklicherweise müssen wir diese Frage nicht selbst beantworten. Als sei die Lesereihenfolge nicht ausgelost, sondern sorgsam komponiert worden, gaben die letzten beiden Texte dieses Tages eine Antwort.