Zweifelsohne besteht der besondere Reiz des Bachmann-Preises in der permanenten Möglichkeit, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Eine wie auch immer geartete querschlagende Bewegung, die den geordneten Ablauf von Lesung und Jury-Diskussion durchbricht. Ein Affront womöglich oder eine Provokation; ein Versagen, dem die Zuhörer beiwohnen, die große Enttäuschung, die ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin erlebt und zugleich aushalten muss, mit ihr nicht allein sein zu können. Um es gleich vorweg zu sagen: Solcherart Überraschungen blieben am zweiten Tag des Klagenfurter Wettbewerbs aus. Dafür war es aber das Prinzip der Ordnung selbst, das in den zwei wesentlichen Textes dieses Tages poetisch ausgelotet und hinterfragt wurde.

In Falkners als Manifest 47 untertiteltem lyrischen Text Krieger sein Bruder sein wird eine beinahe surreale Welt evoziert, in der die Ordnung und das Sortieren nicht nur zu Mitteln der Exekution werden, sondern in der diese Prinzipien selbst der Modus der Vernichtung von Lebendigkeit sind. Man sollte Falkners Text nicht allzu vorschnell als politische Allegorie auf den autoritären Überwachungsstaat lesen – was indes durch die omnipräsenten Scharfschützen, die ihre Opfer drangsalieren und ihnen das Menschensein absprechen, naheliegen mag. Vielmehr besteht die Widerständigkeit dieses Textes darin, dass er permanent das Fragmentarische, Unvollendete, Unvollkommene gegen ein Dasein und damit auch gegen eine Textform behauptet, die sich genügsam in eine vollendete Form fügt.

Vermeintlich das Gegenteil tat Monique Schwitter mit ihrem Text Esche, in dem die Suche nach einer endgültigen Ordnung durchgespielt wird: jene Ordnung auf dem als Familiengrab auserkorenen Platz unter titelgebender Esche. Wer soll neben wem liegen? Wie in einer Art barocken Reigen und mit fabelhaftem Humor spielt Schwitter durch, wie sich über die Generationen hinweg die verschiedenen Paarkonstellationen zusammenfügen, trennen, neu zusammenfügen, mit der unausgesprochenen Hoffnung, dass es womöglich irgendwann etwas wie diese endgültige Harmonie – unter der Esche dann – geben könnte.

Eine winzige Lücke, durch die das Begehren hindurchschlüpfen kann, aber lässt Monique Schwitter in der Ordnung, die sie entwirft, eben jene querschlagende Bewegung, die das beinahe mathematische Muster der sich formierenden Paare durchbricht, und das ist der Moment, durch den der Text seine eben nicht nur lustige, sondern tieftraurige Wirkung entfaltet. Auch hier, so scheint plötzlich klar zu werden, ist die Ordnung, die Beherrschung der Umstände etwas, das, um es mal andeutungsweise pathetisch zu sagen, dem Eigentlichen, der Liebe und der Lebendigkeit entgegensteht.

Dass solche Lücken genauso wie das Durchbrechen von eingeschliffenen Wahrnehmungsweisen das Wesen von Literatur ist, die diesen Namen verdient, konnte man heute einmal mehr an den Diskussionen der Jury verfolgen. 

Hochjubeln und Aburteilen

Die nämlich wurde durch Texte wie den von Falkner oder von Schwitter von einer immer wieder hervorragenden Reflexions- und Formulierungslust gepackt. Klaus Kastbergers "Mikrobonsai-Barock" und Hubert Winkels Formel der "Barocken Bühne Buxtehude", beides mit Blick auf Schwitters Text, waren heute ganz weit vorn. Nicht zu vergessen Sandra Kegels "Veganensis", als den sie Tim Krohns leider nicht überzeugende Neudeutung der Schöpfungsgeschichte klassifizierte.

Im Gegensatz zum Coming-of-Age-Text wie jener der Kulturjournalistin Ronja von Rönne, der einigermaßen schlapp vor Publikum und Jury auf den Boden plumpste, fungierten Texte wie jene von Falkner und Schwitter, selbst auch die enttäuschenden Beiträge von Peter Truschner und Tim Krohn, als Katalysatoren, die das eigene Denken in Gang setzten.

In diesem Sinne scheint, jenseits der Texte, auch ein Blick auf die Arbeit der Jury durchaus lohnenswert. Ohne in ein kulturkritisches Lamento verfallen zu wollen, ist doch die Daumen-hoch, Daumen-runter-Mentalität, das schnelle, pauschale Aburteilen und Hochjubeln das derzeit dominierende Prinzip der Beurteilung, nicht nur in der Kunst. Kaum mehr also als eine reflexhafte Reaktion.

Wer der Klagenfurter Jury zuhörte, konnte sich stattdessen davon überzeugen, dass es durchaus eine Qualität ist, wenn man sich erst einmal die Mühe macht, einen Gegenstand zu durchdringen, seine Machart, sein Ansinnen zu verstehen, zu formulieren, um in einem zweiten Schritt dann zu begründen, warum man dieses für gelungen hält oder eben auch nicht. Klingt nach einer Banalität. Wird aber leider allzu oft vergessen, im Leben wie in der Literaturkritik. Und in Zeiten, in denen immer wieder, von außen und innen, auf die Literaturkritik eingeprügelt wird, ist es sicher nicht das Schlechteste, sich noch einmal anzuschauen, wie sie funktioniert, wenn sie gelingt, und welchen Mehrwert sich aus ihr gewinnen lässt. Für die Literatur und fürs Leben.