Pingxiang ist eine chinesische Kleinstadt mit knapp einer Million Einwohnern, ungefähr eintausend Kilometer südwestlich von Shanghai. Viele Einwohner leben vom Kohlebau, die Luft ist nicht besonders gut hier, und wenn im Mai 1922 nicht der 27-jährige Jungkommunist Mao Zedong den ersten erfolgreichen Arbeiteraufstand Chinas ausgerechnet hier angezettelt hätte, hätten auch die meisten Chinesen von dieser Stadt nie etwas gehört. Die Volksrepublik China, die bald die größte Volkswirtschaft der Welt sein wird, hat hier ihren Ursprung, ihren mythischen Gründungsmoment.  

Pingxiang ist auch die Heimatstadt von Xifan Yang, 1988 ist sie hier zur Welt gekommen. Vier Jahre später sind ihre Eltern nach Deutschland gezogen. Sie wuchs in Freiburg auf, studierte an der Deutschen Journalistenschule in München und arbeitet mittlerweile wieder als Korrespondentin in Shanghai. Jetzt hat Xifan Yang ihr erstes Buch veröffentlicht. Es heißt Als die Karpfen fliegen lernten und ist eine Auseinandersetzung mit China, die sich als Biografie ihres Großvaters Peng Fangcong tarnt. 

Dessen Leben gleicht einem bürokratischen Albtraum von Kafka: Als junger Mann tritt er in die Partei ein, er glaubt an den Kommunismus und will Teil von etwas Großem, Historischem sein. Die junge Bewegung aber ist misstrauisch, überall wittert sie Gefahr, regelmäßig müssen Verräter und Spione enttarnt werden. Bald trifft es auch ihn: Er sitzt auf der falschen Seite des Verhörs, lächerliche Details aus seiner Kindheit werden gegen ihn verwendet, und am Ende des Verfahrens kann er froh sein, nur mit dem Ausschluss aus der Partei bestraft zu werden.  

Kapitalistisch gefärbte Idee vom Journalismus

Ein paar Jahre und Anträge später ist er wieder zurück in der Partei und fängt bei einer Tageszeitung an, deren Aufgabe vor allem darin besteht, Jubelartikel über Mao Zedong zu verfassen und den kollektivistischen Betrieben große Erfolge anzudichten, während vor der Tür die Nahrung knapp wird. Peng Fancong schreibt einen Artikel, in dem er das Ende der Volkskommunen fordert. Er sieht es als erwiesen an, dass die Familie als kleinste Produktionseinheit produktiver arbeite. Manchmal lässt er Artikel verschwinden, wenn sie allzu dreist erlogen sind.  

Als Saboteur sieht er sich nicht, schließlich will nur das Beste für sein Land und seinen Kommunismus. Aber in seiner Parteiakte findet sich aus dieser Zeit dieser Eintrag: "Genosse Peng hat eine kapitalistisch gefärbte Idee von Journalismus. Er behauptet, manche Dinge sollten besser zwischen den Zeilen gesagt werden." 

Als Schulen und Universitäten geschlossen werden müssen, weil Mao von seinem ausgemergelten Volk 200.000 Tonnen Stahl verlangt, schreibt Peng ein Gedicht über das Leid der Arbeiter und schickt es anonym an die Volkszeitung. Ein Jahr später wird er zur "Umerziehung durch Arbeit" in das abgelegene Bergdorf Wanlongshan verbannt. 20 Jahre wird er dort Zwangsarbeit leisten. "Seit Kindestagen hatte Großvater davon geträumt, den Himmel zu stürmen", schreibt Xifan Yang, "Nun schickte man ihn in ein Wolkengefängnis."  

Geprügelt und gequält

Aus der Verbannung schreibt Peng Fangcong einen Brief an Maos Ehefrau, in dem er darlegt, dass seine Verurteilung nur ein Irrtum sein kann. Danach ist er vogelfrei: Selbsternannte kommunistische Rebellen, die sich den Auftrag gegeben haben, Maos Lehre gegen die Dekadenz zu verteidigen, ziehen ihn an einem Seil durch die Straßen, verprügeln und quälen ihn öffentlich. Fünf Mal am Tag soll er auf Knien Geständnisse ablegen. 

Bis heute wacht er nachts aus Albträumen auf. Trotzdem hat er dem Kommunismus nie abgeschworen. Nach wie vor hält er ihn für das beste aller Systeme. Wenn er heute die Abendnachrichten auf CCTV1 schaut, ist er zufrieden mit seinem Land. Es ist alles gut geworden. 

Damals, im Jahr 1960, war Wanlongshan einen Tagesmarsch von Pingxian entfernt. Viele Einwohner des Bergdorfes haben ihr ganzes Leben dort oben verbracht, ohne ein einziges Mal das Tal gesehen zu haben. Es war ein mittelalterliches Dorf mit Lehmhütten und Strohbesen. Heute ist Wanlongshan ein Luftkurort, in den sich die Oberschicht von Pingxiang zurückzieht, um dem Dunst der Kohlestadt zu entkommen. Seit es die neue Autobahn gibt, ist man in vierzig Minuten in den Bergen. Als Xifan Yang im Jahr 2013 das Dorf besucht, in dem ihr Großvater zwanzig Jahre lang Zwangsarbeit leisten musste, wird gerade ein Fünf-Sterne-Howard-Johnson-Ressort gebaut.