In der aktuellen Ausgabe des New Yorker findet sich eine Karikatur, die sich mit dem Großereignis dieser Literatursaison beschäftigt: Vor einem Buchladen, in dem der neue Roman von Harper Lee verkauft werden soll, sieht man eine sich entlang mehrerer Häuserblocks erstreckende Menschenschlange. Inmitten der Wartenden steht eine Art Skelettroboter. Die Unterzeile der Zeichnung lautet: "Ich wurde aus der Zukunft geschickt, um Harper Lee davon abzuhalten, das Vermächtnis eines geliebten fiktionalen Charakters zu verkomplizieren."

Der Charakter, dessen Erbe in Gefahr gerät, heißt Atticus Finch. Er ist der Held aus Harper Lees in 40 Sprachen übersetztem und ungefähr 40 Millionen Mal verkauftem Roman Wer die Nachtigall stört aus dem Jahr 1960. Durch die Verfilmung des Buches mit Gregory Peck in der Hauptrolle wurde Atticus endgültig zu einer Ikone der Redlichkeit und zu einem Vorbild für die Überwindung der sogenannten Rassenfrage.

Der Rechtsanwalt Finch verteidigt darin zur Zeit der Großen Depression und im tiefsten Süden der USA einen Schwarzen, der wohl zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt wird. Vor dem Gesetz ist für den guten Atticus jeder Mensch gleich. Unbeugsam, verständnisvoll, liebenswert, treusorgend, tolerant, liberal – so wird er aus der Perspektive seiner kleinen Tochter Jean Louise, genannt Scout, geschildert. Und unbeugsam, verständnisvoll, liebenswert, treusorgend, tolerant und liberal wünschten sich damals viele ihre USA, die in den sechziger Jahren dramatischen inneren Spannungen ausgesetzt waren.

Die USA verlieren einen Helden

Harper Lee erzählt in Wer die Nachtigall stört vom Heranwachsen unter der Obhut eines Mannes, dessen moralischer Imperativ unwiderstehlich und dessen Herzensgüte grenzenlos ist. Sie erzählt von einem richtigen Leben im falschen, von einem anderen, besseren Amerika im segregierten Süden.

Nun ist – 55 Jahre nach Lees Debüt – in den USA Go Set a Watchman erschienen, am Freitag kommt die deutsche Übersetzung unter dem Titel Gehe hin, stelle einen Wächter in die Buchhandlungen. Wenn man erste Besprechungen und Kommentare in den amerikanischen Zeitungen liest, muss die Nation wohl tatsächlich befürchten, einen verehrten Helden zu verlieren. 

Atticus Finch, inzwischen 20 Jahre älter und gebrechlich, ist in Lees Roman mit ganz neuen Tönen zu vernehmen: Er besucht Bürgerversammlungen, bei denen Rassisten von der "grundlegenden Minderwertigkeit" der Schwarzen schwadronieren, und fragt seine Tochter Jean Louise allen Ernstes, ob sie denn wolle, "dass unsere Kinder auf eine Schule gehen, deren Niveau gesenkt wurde, um es den Negerkindern anzupassen". Sogar beim Ku-Klux-Klan hat er sich umgetan. Er verurteilt den Supreme Court und hält die NAACP (die National Association for the Advancement of Colored People) für die Vorbotin des Untergangs einer stolzen Nation.

Es ist nicht schön, wenn 40 Millionen Lesern eine Identifikationsfigur geraubt wird – gerade in Zeiten, in denen der Geist des Rassismus nicht nur in Form von Polizeiknüppeln wieder sehr deutlich spürbar wird. Aber muss man tatsächlich um das Lebenswerk von Harper Lee bangen, wie es Teile der amerikanischen Presse tun?