Als Metropolenbewohnerin ist Jean Louise quasi Expertin für Rasanz und permanente Erneuerung. Aber ihr Kindheitsort soll davon gefälligst unberührt bleiben. Umso grausamer ist die Erkenntnis, dass die gesellschaftlichen Umbrüche die ihr nahestehenden Menschen in Rassisten zu verwandeln scheinen. Nicht nur Atticus schwingt ihr fremd und wirr vorkommende Reden; selbst Jean Louises Tante Alexandra, die sich um Atticus kümmert, bläst in dieses Horn. Und auch Henry entpuppt sich als bigotter Heuchler. Sich so getäuscht zu haben, widert Jean Louise an, macht sie wütend, lässt sie fast resignieren.

Auch wenn man deutlich die Handschrift einer Debütantin erkennt, hat Gehe hin, stelle einen Wächter doch eine große erzählerische Kraft, die sich aus Wut und Unverständnis und dem Verlangen nach Zukunft zusammenballt. Der Wächter im Titel, von dem in der Bibel beim Propheten Jesaja die Rede ist und den Atticus für Jean Louise zu verkörpern schien, fällt in sich zusammen. Vor ihr tut sich ein Abgrund auf, der ihr Angst macht und sie verzweifeln lässt. Die Widersprüche, die aufscheinen, sind die Widersprüche eines ganzen Landes. Und für die junge Frau eine Art Initiation. Sehnsüchtige Verklärung und utopisches Wunschdenken stoßen sich unweigerlich an der Realität.

Erkenntnisfördernde Ambivalenz

Nicht zuletzt für den Leser sind diese Realität und der neue Atticus ernüchternd – wenn einem doch Gregory Peck im Kopf herumspukt, wie er sich gegen einen finsteren Lynchmob stellt und im Gerichtssaal ein Plädoyer für die Gerechtigkeit hält. Aber die Welt ist eher selten schwarz oder weiß, gut oder böse, und die daraus entstehende Verunsicherung fängt Gehe hin, stelle einen Wächter exzellent ein. Manchmal kann eine gewisse Ambivalenz ja durchaus erkenntnisfördernd sein.

Dass Harper Lee obendrein ein großes Gespür für Witz und Ironie, für Dialoge und die Zeichnung von Charakteren hat, sollte nicht unerwähnt bleiben. Der Roman mag eine Vorstufe für ihr Jahrhundertbuch gewesen sein. Aber doch kann er literarisch für sich stehen. Man wünscht sich nach der Lektüre, Harper Lee hätte es ihrem Vorbild Jane Austen gleichgetan und noch ein paar weitere Romane veröffentlicht. Eines ist jedoch klar: Ihr Vermächtnis wird durch Gehe hin, stelle einen Wächter nicht angetastet, so dubios die Umstände der Publikation des Buches auch sein mögen.

Harper Lee: "Gehe hin, stelle einen Wächter". Roman. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. DVA. München 2015. 320 Seiten. 19,99 Euro