"Ich möchte nichts anderes sein als ein Mensch, der seinen Garten gießt und, auf einfache Arbeiten bedacht, diese Welt in sich eindringen lässt, die er nicht lange bewohnen wird. Das Brot der Luft." Was der dreiunddreißig Jahre alte Westschweizer Schriftsteller Philippe Jaccottet 1958 für sich notierte, klang damals vielleicht etwas frühreif, aber tatsächlich ist es das literarische Lebensprogramm des heute Neunzigjährigen geblieben: kein aktivistisches Zupflastern der Welt mit Büchern im Zweijahresrhythmus, sondern sich so auf der Welt zu bewegen, dass die eigenen "einfachen Arbeiten" von ihr durchdrungen werden. Eine flexible Balance zwischen aktiver und passiver Existenz, die Jaccottet die ungewöhnliche Ehre beschert hat, zu Lebzeiten in die berühmte Klassiker-Ausgabe der Pléiade aufgenommen zu werden. Obwohl er nichts anderes geschrieben hat als Kurzprosa, Gedichte und tagebuchähnliche Aufzeichnungen, nie einen Roman.

Das ganze Schriftstellerleben von Jaccottet folgt einer erstaunlichen Konsequenz. Nach sieben Jahren im Paris der Nachkriegszeit heiratet der im waadtländischen Städtchen Moudon aufgewachsene junge Autor die Malerin Anne-Marie Haesler und zieht mit ihr im Oktober 1953 nach Grignan, einen kleinen, südfranzösischen Ort, in dem die beiden bis heute leben. Unterhalb des Schlosses von Madame de Sévigné, der berühmten Pariser Briefschreiberin des 18. Jahrhunderts, die Jaccottet nie interessierte. Madame fühlte sich in Grignan – im Abseits – nie wohl. Während Jaccottet selten über etwas anderes schreibt als über genau dieses Abseits: die unauffällig-karge Landschaft der nördlichen Provence, die ihn umgibt. So etwa in den wunderbaren Erzählungen aus dem Band Landschaft mit abwesenden Figuren.

Dem Winter halten nur Stecheichen und Wacholderbüsche zwischen den kahlen Steinbrocken stand, und "die einzigen Tiere, die mit diesen steinübersäten Weiden vorlieb nehmen, sind die Schafe, steinfarben auch sie, fast stumm in ihrem unbekümmerten Gedränge, unter einem Fell so struppig und schmutzig wie das des heiligen Johannes in der Wüste. Nachts kann man ihr sanftes Blöken hören unter dem Mond, dem sie geweiht scheinen, als wäre er die milchige Leuchte ihres Geheges. Tagsüber sind sie ein wenig verstörte Pilger, die dahinziehen und vor ihrem Zug schwirrende Heuschrecken aufscheuchen, blitzende Juwele, bald wieder unerkennbar im Versteck der Halme … " Genau beobachtete Natur geht über in individualistische Naturreligion, magische Naturphilosophie.

Keine Weltflucht

Zu Jaccottets neunzigstem Geburtstag hat der Hanser Verlag unter dem Titel Sonnenflecken. Schattenflecken jetzt ausgewählte Passagen aus seinen Carnets, den Notizheften aus den Jahren 1952 bis 2005 herausgebracht.

Gleich anfangs wird klar, dass der Abschied von Paris vor allem ein Abschied vom Betrieb war: "Es sind zu viele Phrasendrescher in der Literatur; Camus, oder Mauriac, oder Gide, und wie viele andere." Ein selbstbewusstes Statement. Das ungebrochene Pathos des damals tonangebenden Existenzialismus ist Jaccottet verdächtig. Es ist ihm zu ideologisch, wie die meisten Arten von Engagement, die er oft nur als Illustration theoretischer Systeme sehen kann. "Seuchenartige Ausbreitung der Theorien" notiert er am 9. Oktober 1967, "poetische Werke, die mit technischen, wissenschaftlichen, philosophischen Begriffen überzogen sind wie mit Krätze."