Ulrich Peltzers neuer Roman, einer der meist erwarteten und bereits jetzt, wenige Tage nach seinem Erscheinen, auch meist diskutierten Romane dieses Jahres, ist mehr als eine Herausforderung. Es ist ein Buch, das an Grenzen heran- und möglicherweise auch über sie hinausführt.

Da ist zunächst einmal die Grenze dessen, was einem Leser zugemutet werden kann und darf. Mit dieser Frage eng verbunden ist die Machart von Das bessere Leben: Was kann Literatur, was kann ein Roman leisten, was kann er sich vornehmen, was will er darstellen, welche Mittel hat er dafür zur Verfügung? Ulrich Peltzer hat das Stilmittel der erlebten Rede zur Perfektion gebracht. Sein Roman ist, rein technisch gesehen, anschlussfähig an die großen Werke der klassischen Moderne, an Joyce oder Döblin; allein die Bewusstseinslage der Figuren hat sich verändert. Ist die Welt in den vergangenen 100 Jahren komplexer geworden? Oder haben sich die Komplexitätsmuster nur verschoben?

In der Hauptsache sind es zwei Hauptfiguren, die den Roman tragen. Beide sind etwa Mitte 50; beide verdienen, um zunächst so vage zu bleiben, ihr Geld im Bereich der globalen Wirtschaft. Sylvester Lee Fleming, in England geboren, in den USA aufgewachsen, mittlerweile überall in der Welt zu Hause, hat, wenn man seiner Visitenkarte glaubt, etwas mit Versicherungen zu tun. Das hat er wohl auch tatsächlich, unter anderem.

Darüber hinaus ist er aber auch eine Art von Geldbeschaffer, der die Bedürfnisse erzeugt, die er dann bedient, und der mit Hilfe einiger nicht ganz astreiner Gesellen vor Methoden nicht zurückschreckt, die mit dem Straftatbestand der Erpressung nicht falsch umschrieben wären, wenn es innerhalb des komplexen Systems von Abhängigkeiten, in dem der sinistre Fleming sich bewegt wie ein Fisch im Wasser (Mao ist gar nicht so verkehrt an dieser Stelle), einen Kläger und einen Richter für einen derartigen Straftatbestand überhaupt gäbe. Die einen brauchen Geld, die anderen haben es. Dass derjenige, der das Scharnier dazwischen bildet, in seiner diabolischen Eleganz der interessanteste Charakter des Romans ist, ist geradezu zwangsläufig.

Die zweite Hauptfigur heißt Jochen Brockmann. Sein Aufgabengebiet ist weitaus konventioneller; er ist Sales Manager eines finanziell ins Schlingern geratenen italienischen Konzerns, der etwas ganz Konkretes herstellt, nämlich Anlagen zur Beschichtung von Trägermaterialien. Das bessere Leben ist hauptsächlich angesiedelt im Jahr 2006, also zu einer Zeit, in dem das große virtuelle Schwungrad sich noch nicht so rasend drehte wie heute. Das ist das Erschreckende: Wir müssten viel mehr von dem, was dort geschieht, verstehen oder gar durchschauen. Dass es uns nicht so recht gelingen mag, ist nicht die Schuld des Autors, sondern einer seiner Kunstgriffe.

Keine Abrechnung mit dem Kapitalismus

Um Brockmann, der vom Niederrhein stammt wie Ulrich Peltzer auch, und Fleming herum sind eine Vielzahl von Neben- und Halbnebenfiguren angeordnet; Freunde, alte Weggefährten, Familie, Geliebte und Ex-Frauen, ein unendlicher Wirbel von Stimmen, die da aus allen Epochen heraus sprechen, in den Köpfen von anderen oder persönlich. In harten Schnitten ist das erzählt, mit Einsparungen und Auslassungen; das ist nicht neu, aber ungemein ausdrucksstark und effektvoll. Um der Gefahr zu entgehen, sein Personal zu bloßen Typen zu degradieren, hat Peltzer seinen beiden Protagonisten eine Geschichte gegeben; ein Schicksal möglicherweise sogar im Fall von Sylvester Lee Fleming.

Fleming war Augenzeuge und Beteiligter des Kent-State-Massakers, bei dem die Nationalgarde am 4. Mai 1970 an einer Universität im US-Bundesstaat Ohio vier Studenten erschoss, die gegen die amerikanische Vietnampolitik demonstrierten. Mit einer der Toten, Allison Krause, verband Fleming nicht nur die politische Überzeugung, sondern auch eine große Verliebtheit. Brockmann wiederum, Sohn eines Arztes und einer Ärztin, erinnert sich in Rückblenden an das linksalternative, anarchistisch angehauchte Provinzmilieu seiner Jugend.

Was ist Das bessere Leben alles nicht? Es ist kein Wirtschaftsroman, kein Buch über die Finanzwelt, kein Abgesang auf linke Ideale, keine Abrechnung mit den Glücksrittern des Kapitalismus. All das steckt aber drin. Und wenn es auch jedes einzelne davon nicht ist, dann vielleicht doch ein bisschen von alldem.