Von Schriftstellern sollte man nie einen Gebrauchtwagen kaufen. Von Schriftstellerinnen auch nicht. Die, von denen man einen Gebrauchtwagen kaufen kann, das sind die langweiligen. Das sind die, mit denen einem nichts passieren kann und mit denen einem dann auch bei der Lektüre leider meistens nichts passiert. Große Literatur dagegen stammt von Schlawinerinnen und Schlawurzen, von Säuferinnen und Absinthsniffern, von Heiratsschwindlerinnen und Autisten, von Größenwahnsinnigen und Angstgestörten.

Der k.u.k. Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz hat aus der Wikipedia abgeschrieben, und das soll jetzt ein Skandal sein, jedenfalls für die FAZund die Welt. Ein neues Zeichen für den rasenden Kulturverfall durch Copy & Paste und das Internet, für "Textraub" in der "Freibeuterzone", kurz: für die allgemeine Missachtung geistigen Eigentums durch linksversiffte Künstlertypen.

Tex Rubinowitz als neuer Guttenberg? Hat er denn versucht, sich mit Wikipedia-Texten den Bachmannpreis zu erschleichen? Weil er einfach wusste, dass Wikipedia besser schreiben kann als er? Übrigens: Bachmannpreis an Wikipedia – ich wäre sofort dafür. Bachmannpreis ans Telefonbuch! Ach, gibt’s nicht mehr? Auch gut. Bachmannpreis jedenfalls an etwas, das nicht schon im ersten Absatz unter erbarmungslosem Literaturbeweisdruck steht.

Ich habe keine Ahnung, ob Irma, der Roman von Tex Rubinowitz, dessen Passagen über den Haussperling als Standvogel nicht von Rubinowitz stammen sollen, große Literatur ist. Ich kenne den Autor aus seinen Zeiten als Witzezeichner und Schöpfer (oder Mitschöpfer) solcher Meisterwerke wie "Zucchini, das fieseste Gemüse der Welt", "Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen" oder des legendären "Zander-Bezwing-Zwangs" (Titel nicht aus der Wikipedia abgekupfert, sondern aus dem Gedächtnis zitiert). Hat jemand von einem Mann mit solchen Interessen wirklich erwartet, dass er die hohen moralischen Ansprüche eines Christian Wulff oder einer Erika Steinbach erfüllt? Dass er einen Roman mit der bürokratischen Raffinesse schreibt, mit der man in Deutschland zum Beispiel einen Großflughafen baut? Und was für eine Krankheit steckt hinter einer solchen Erwartung?

Es ist natürlich eine Krankheit unserer Zeit. Sie beginnt mit der absurden Vorstellung, künstlerische, schöpferische Tätigkeit sei Arbeit. Und wer nicht ordentlich arbeitet und dabei nicht ordentlich schwitzt, der kriegt was auf die Rübe, und zwar von "uns" – "wir" müssen ja schließlich auch ordentlich arbeiten. Die Krankheit tritt in ihr zweites Stadium ein, wenn "wir" von den ordentlichen Künstlern Originalität und Genie-Authentizität mit Warencharakter und lupenreiner Herkunftsbescheinigung verlangen. Sonst Betrug, also Geld zurück!

Aber so funktioniert schöpferisches Arbeiten nicht. Das ist eine Schufterei jenseits der Grenzen unserer Arbeitswelt. Ein ständiges Fischen im Trüben, ein dauerndes Klauen und Rekombinieren. Aus vorhandenem Material soll neuer Sinn werden – und alles ist Material. Und wenn jemand mit erhobenem Zeigefinger neben einem steht und sagt "Du musst aber immer brav sein beim Fischen!", dann geht es eben nicht. Schon wenn Verlage anfangen, Romanen ängstlich Quellenverzeichnisse anzuhängen, geht es eigentlich nicht mehr. Dann kann man den Laden dichtmachen und das Feld der sogenannten Kreativwirtschaft überlassen.

Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung des Kulturbetriebs. Sie kann schnell an die Substanz gehen. Dann wird sie ein Werkzeug von Künstlerhass und Kulturverachtung, wie wir sie aus allen autoritären Gesellschaften kennen: Dichter in die Produktion! Im dritten Stadium erzeugt Gegenwartsverweigerung Fieber und Schüttelfrost. Der Glaube, das Internet sei an allem schuld, wird übermächtig. Dass alle Rhapsoden seit Homer Könige der Diebe waren, ist vergessen. Es geht um Eigentumsverhältnisse. Wer aus der Wikipedia abschreibt, enteignet am Ende auch Banken. Wehret den Anfängen! Wie war noch gleich die Nummer von Homeland Security?

Jetzt hilft nur noch Charles de Gaulle, der sich an dieser Stelle überraschend in die Debatte einschaltet. Er sagt: Ach du liebe Helene! Eine Kohlmeise verhaftet man nicht. Und da ist das Sommerloch plötzlich voll.

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