Frost. Beton. So hießen Bücher früher. Im besten Fall und mit viel Glück  bekamen sie noch einen bestimmten Artikel dazu. Da unterscheidet sich die Bestsellerliste des Jahres 1966 kaum von der von 1996: Das Einhorn oder Der Honigsauger gegen Der Pferdeflüsterer oder Der Regenmacher. Viel Fortschritt war da nicht. Was ist eigentlich ein guter Buchtitel? Welche Kriterien entscheiden darüber, ob ein Titel bestsellertauglich ist oder nicht? Einen Knaller wie Darme mit Charme haut man halt nur einmal pro Jahrzehnt raus, wenn überhaupt, und im Normalfall landen Bücher, die so heißen, nicht in der populärwissenschaftlichen Abteilung, sondern unter dem Ladentisch und werden nur auf explizite Nachfrage herausgeholt. Noch immer liegt Giulia Enders mit ihrer Erkundung dieses wunderbaren Organs ("das schwarze Schaf unter den Organen", Klappentext) an der Spitze aller Ranglisten.

Buchtitel unterliegen bestimmten Moden, und die kommen, wie wir wissen, stets in Wellen. Nachdem Daniel Kehlmann im Jahr 2005 mit seinem Roman DieVermessung der Welt einen nicht nur für einen ernsthaften Roman geradezu sensationellen Erfolg gelandet hatte, und das mit einem auf den ersten Blick eher unspektakulären Titel, breitete sich in den deutschen Verlagsprogrammen die Namens-Genitivitis wie eine ansteckende Krankheit aus. "Die Blabla des Blabla" wurde geradezu verzweifelt ge- und missbraucht, parodiert und persifliert mit so schönen Höhepunkten wie Die Verschwulung der Welt (edition suhrkamp, immerhin). Zugegeben, erfolgreiche Genitiv-Titel ziehen sich durch die Jahrzehnte, von Die Ästhetik des Widerstandes über Der Fluch des Rubins bis hin zu Der Name der Rose. Aber irgendwann ging das nicht mehr. Irgendwann hatten Leser und Käufer offenbar einen inneren Widerstand entwickelt. Dafür kann Daniel Kehlmann allerdings überhaupt nichts. Sein Buch war und bleibt ein tolles Buch. 

Und heute? Heute dürfen Titel kein Geheimnis mehr haben. Am besten sollten sie gleich ganze Geschichten erzählen. Im Grunde braucht man in vielen Fällen eigentlich nur noch den Buchtitel, mehr nicht. Oder was erwarten Sie von einem Buch, das Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand heißt? Doch in etwa die Geschichte eines alten Mannes, der aus dem Fenster steigt und verschwindet. Oder, aktuell auf Platz 2: Vom Inder, der auf dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr. Da weiß man doch Bescheid. Auch schön, im Windschatten von Jonas Jonassons Werk: Der 50-jährige, der nach Indien fuhr und über den Sinn des Lebens stolperte. Oder: Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte. Und, ganz aktuell: Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid. Ja, und? Muss man darüber ein ganzes Buch schreiben, geschweige denn lesen? Und ist es nicht angebracht, von Verlagen zu verlangen, ein bisschen weniger auf den stumpfen Herdentrieb ihrer Käufer zu setzen? Jetzt schon in der Pipeline und kurz vor ihrem Sprung auf die Bestsellerlisten: David Lagercrantz: "Der vierte Teil einer Trilogie, geschrieben von einem Autor, der längst tot ist". Und, wie man hört, in Vorbereitung: Gabriele Krone von Hirschhausen: "Die Frau, die sich an einer rostigen Rose eine Blutvergiftung holte und im Delirium die Wahrheit über Russland erkannte".