SAN YSIDRO

Ich bin an der meistfrequentierten Landgrenze der Welt. Ich komme schnell rüber, denn ich will in die richtige Richtung, will sagen: die falsche Richtung. Ich fahre dorthin, wo niemand bleiben will, zum anderen Abschnitt des Highway 5: ein nach Norden, Richtung Vereinigte Staaten von Amerika weisendes Band, das gespickt ist mit Stellen, an denen der Verkehr zum völligen Erliegen kommt.

Auf jener anderen Seite sind Straßen Supermarktgänge. Man kann vom Auto aus Popcorn kaufen, Kekse, Lutscher und Zigaretten. Oder lieber Kaffee? Können Sie bekommen, von einem Jungen, der kaum groß genug ist, um zu Ihrem Autofenster hinaufzureichen. Eine spanischsprachige Zeitung? Kein Problem. Eine englischsprachige? Vielleicht. Ein Handtuch mit Leopardenmuster? Gibt es hundertfach.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: Leslie Jamison – "Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer." Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann. Erscheint am 28. September 2015 bei Hanser Berlin. © Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München

Ich fahre zu einem Autorentreffen, das als encuentro angekündigt wurde und in Tijuana und Mexicali stattfindet. Soweit ich das verstanden habe, bedeutet encuentro irgendwas zwischen "Festival" und "Konferenz", doch ich höre darin vor allem die Wörter für "Geschichte" (cuento) und "treffen" (encontrar) – ein Schnittpunkt, der vorwegnimmt, was uns bei der bevorstehenden Mischung aus Orgie und Podiumsdiskussionen erwartet: Geschichten werden die gängige Währung sein, Leute werden Bücher signieren, Leute werden verwirrt sein, Leute werden Buchverträge schließen, Leute werden Blödsinn über Mexicali erzählen und sich wünschen, in Oaxaca zu sein. Leute werden Sex haben. Nichts wird pünktlich anfangen. Morgens wird es Kekse zum Kaffee in Styroporbechern geben. Abends wird es Koks in Toilettenkabinen geben.

Wir sind im Jahr 2010. Ich höre, es sei viel besser geworden in Tijuana während der letzten zwei Jahre, was auch die amerikanischen Medien seit neuestem behaupten. Aber wenn wir da oben im Norden uns darüber unterhalten, wie schlimm da unten alles ist, gehen Unterschiede und Schwankungen unweigerlich verloren. Natürlich ist "da unten" nicht nur ein Ort, sondern tausend verschiedene. Und in Wahrheit ist es in Tijuana zwar besser geworden, dafür aber in Tamaulipas viel schlimmer, und in Ciudad Juárez, wo die Menschen mit einer derartigen Dimension von Gewalt leben, dass Abstufungen zwischen "schlimm" und "schlimmer" kaum Sinn ergeben, ist es schlicht und ergreifend so furchtbar wie zuvor.

Eine Frau erzählt mir, wie das Leben während der schlimmsten Monate in Tijuana war, und was sie sagt, handelt weniger davon, wie man mit der ständigen Bedrohung von Gewalt lebt, als davon, wie es ist, darüber zu sprechen, dass man mit der ständigen Bedrohung von Gewalt lebt. Solange man mittendrin steckt, sagt sie, ist das Sprechen darüber unmöglich.
Noch vor ein paar Jahren war es so in Tijuana: Nicht mal bei einem Abendessen, irgendwo ganz privat, redeten die Leute darüber, was aus ihrem Leben geworden war – dass sie Angst hatten, einen trinken zu gehen, Angst hatten, zur Arbeit zu fahren, in den Bus einzusteigen, ein Päckchen Zigaretten zu kaufen oder einfach nur die scheiß Straße zu überqueren. Heute können sie wieder sprechen. Das Reden fällt leichter, wenn das Schlimmste außer Hörweite gerückt ist – weit genug weg, um nicht rachedurstig zurückzukehren, wenn man sich gerade mal irrigerweise zu sicher fühlt.

TIJUANA

Die Avenida Revolución ist gesäumt von den entkernten Hüllen des Billigtourismus. Menschenleere Bars stehen herum wie die Überreste einer untergegangenen Kultur, die von ihrem exzessiven Hedonismus zu Fall gebracht wurde: Auf den von strohbeklebten Wänden und grellem Dschungeldekor gerahmten Dancefloors herrscht Stille, an Balkonen stecken noch Tiki-Fackeln aus Bambus, Banner, die für Tequila Happy Hours werben, flappen im Wind und werden von niemandem mehr wahrgenommen. Die Clubs vermitteln den Eindruck von der Zwangsversteigerung harrenden Häusern. Die Touristen sind in die Flucht geschlagen. Ich vermute, dass immer noch einige kommen, aber auf den Straßen sehe ich keine. Das Centro Cultural Tijuana hat eine überraschend schön gewölbte Kuppeldecke, in deren rechteckigen Fenstern sich das Sonnenlicht bricht, purpurrot, orangerot und minzgrün. Aber die einzigen Menschen, denen ich im Innenraum begegne, sind Männer, die Busfahrkarten zu anderen Städten verkaufen.

Entlang der Straßen bietet jeder irgendwelche Waren an, die aber niemand kauft. Wenn ich wollte, könnte ich alles Mögliche haben: einen zebragestreiften Esel, Postkarten mit zehn Paar Titten und dem roten Stumpf einer im Sand steckenden Tecate-Bierdose oder einen kleinen Frosch, den ein alter Mann direkt vor meinen Augen schnitzt und dem eine echte Zigarette zwischen die hölzernen Lippen gesteckt wird. Ich könnte mir ein T-Shirt mit dem stoischen Gesicht von Pancho Villa oder eines mit dem ewigen Antlitz von Che kaufen. Oder ein T-Shirt mit einem lustigen Spruch über Bier oder ein T-Shirt mit einem anderen lustigen Spruch über Bier, ein T-Shirt mit einem lustigen Spruch über Tequila, ein T-Shirt mit einem lustigen Spruch über das Mixen von Bier und Tequila oder gleich ein T-Shirt, das zum Kern der Sache mit dem Saufen vorstößt, und zwar auf Englisch: "I Fuck on the First Date." Praktischerweise ist auf der anderen Straßenseite ein Hotel, das mit Zimmern für neunundneunzig Pesos die Stunde wirbt. Ich sehe niemanden hineingehen oder herauskommen.

Und ununterbrochen denke ich an Tijuana vor zwei Jahren, an die Zeit des Niemals-darüber-Sprechens. Überall entlang der Grenze stecken andere Städte noch immer im Sumpf dieses Nicht-Sprechens. Diejenigen, die Ciudad Juárez als die gefährlichste Stadt der Welt bezeichnen, sind nicht die Menschen, die dort leben.

Vielleicht könnte ich diese Angst besser verstehen, wenn ich durch Straßen liefe, wo die Menschen, wo ganze Städte wirklich in Angst leben. Die große Fiktion des Tourismus: Wir müssen nur unseren Körper an einen Ort bringen, schon kommen wir diesem Ort näher – oder er uns. Empathie als schneller Schuss, wie ein Shot Tequila oder eine Nase Koks vom Schlüssel zum Haus eines Fremden. Wir wollen, dass sich die Tatsache der Verschiedenheit im Rausch der Präsenz auflöst. Manchmal fickt die Stadt gleich beim ersten Date, manchmal nicht. Aber immer, immer wachen wir am Morgen auf und stellen fest, dass wir sie eigentlich nicht gekannt haben.

Ich wache am Morgen auf und esse in einem Lokal mit dem Namen Tijuana Tilly’s huevos con jamón. Ich hätte mir auch eine Waffel bestellen können, oder pan francés mit Schlagsahne. Habe ich aber nicht, ich mach’s auf die authentische Tour. Ich frühstücke mit einer Pressefrau namens Paola und einem Schriftsteller namens Adán. Die sich beide Waffeln bestellen. Paola erzählt mir, es sei unglaublich, aber wahrscheinlich sei DF (Mexico City) heutzutage die sicherste Stadt in ganz Mexiko. Was früher undenkbar gewesen wäre. Adán erzählt, Mexicali, wo wir die anderen Autorinnen und Autoren im Rahmen dieser Konferenz treffen werden, sei relativ sicher. Relativ ist hier in der Gegend ein wichtiges Wort.