Wenn Akira ins Wasser geht, braucht sie weder Bikini noch Badehose. Es ist später Nachmittag am Berliner Grunewaldsee. Nach einem kurzen Bad läuft Akira zu einem Baumstamm am Ufer. Dort sitzt neben zwei Kindern eine Frau mit kastanienfarbenem Haar. In der Literaturwelt hat sie sich unter ihrem Pseudonym einen Namen gemacht: Alina Bronsky. Akira, die auch im wahren Leben Akira heißt, ist die wuschelige Eurasier-Hündin der Autorin.

In ihren Romanen hat Alina Bronsky Helden erfunden, die ziemlich unvergesslich sind. Etwa eine junge Frau, die davon träumt, ihren Stiefvater zu töten. Oder eine Mutter namens Rosalinda, die ihre schwangere Tochter in eine brühheiße Badewanne legt, damit diese ihr Kind verliert.

In ihrem neuen Roman, Baba Dunjas letzte Liebe, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand, geht es um eine Großmutter, die freiwillig in die Todeszone um Tschernobyl gezogen ist. Einmal kommt sie in die Verlegenheit, eine Männerleiche im Garten verscharren zu müssen. Für solche Überraschungen hat Bronsky etwas übrig.

Erwartungen unterlaufen

1978 wurde die Autorin als Tochter eines Physikers und einer Astronomin in Jekaterinburg geboren, mit 13 Jahren kam sie nach Deutschland. 2008 las sie in Klagenfurt aus ihrem Debüt Scherbenpark. Der Roman über die 17-jährige Russlanddeutsche Sascha Naimann ist heute Schullektüre.

Nun also Baba Dunjas letzte Liebe. Wer ein Buch aufschlägt, das in einer radioaktiv verstrahlten Gegend spielt, erwartet eine irdische Hölle. Bronsky aber beschreibt ein kleines Paradies. Sie ist nicht Schriftstellerin geworden, um Erwartungen ihrer Leser zu erfüllen. "Das ist natürlich ein spannender Kontrast, eine Idylle dort anzusetzen, wo man sie gar nicht vermutet", sagt die Autorin, die eine ruhige Stimme hat und Sinn für Humor. Während sie über Baba Dunja spricht, hält ihre 13-jährige Tochter die zweijährige Schwester bei Laune. Akira legt sich hinter den Baumstamm, als lausche auch sie Bronskys Geschichten.

In die Todeszonen ist die Autorin selbst nicht gereist. Ihr Ausgangspunkt waren Fotos aus Tschernobyl. Aufnahmen von alten Menschen mit "leuchtenden Gesichtern". Gewundert hat sie das nicht. "Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass man sich mit der Sterblichkeit auseinandergesetzt hat und diese auch akzeptiert."

Der große Jugendkult

Plötzlich schreit Bronskys zweijährige Tochter. Ihre große Schwester versucht es mit Ablenkung: "Komm, wir erschrecken Akira!" Es ist ein Spiel, das die Hündin gut zu kennen scheint. Bronsky behält die Kinder im Blick, ohne im Gespräch den Faden zu verlieren. Im Hintergrund bellen und baden die Hunde: Golden Retriever, Pinscher, Boxerwelpen. Als Zweibeiner gehört man hier am See zur Minderheit.

"Die Angst vor dem eigenen Verfall, vor dem Tod, dominiert unser Leben eigentlich immer", sagt Bronsky. "Entweder sie wird verdrängt oder man nimmt die eigene Gebrechlichkeit wahr. Und das macht große Angst." Schon länger beschäftigt sie sich mit Alter und Jugend. Zu Hause kann sie mitverfolgen, was Menschen zwischen 2 und 16 Jahren bewegt. Die vierfache Mutter lebt heute in Berlin-Schöneberg – zusammen mit dem Schauspieler Ulrich Noethen, der in der Verfilmung von Scherbenpark eine Hauptrolle gespielt hat.  

"Wir leben ja in der Zeit des großen Jugendkults", findet Bronsky. Dabei sei die Jugend doch eine "sehr anfällige Zeit". Eine Phase der Empfindlichkeit, auch der Abhängigkeit. "Das Alter dagegen kann cool sein und verbunden mit einer großen Freiheit." Gerade dann, wenn man sich nicht mehr groß um die Meinungen der anderen kümmern müsse.

Bronsky ist noch lange keine coole Alte, aber man glaubt ihr sofort, wenn man nur an die Großmütter in ihren Romanen denkt.

Plädoyer für ein selbstbestimmtes Alter

Ein Buch beginnt bei Alina Bronsky mit der Stimme einer Figur. Bronsky erklärt das so: "Diese Stimmen, diese Personen, sind einfach da und vereinnahmen einen derart, dass man es aufschreiben muss, um wieder Ruhe zu haben." Baba Dunja, die Greisin aus der Todeszone, erzählt so gut, dass außer dem Alltäglichen gar nicht viel passieren müsste.   

In ihrem fiktiven russischen Dorf Tschernowo hängt der Himmel "hellblau wie ein verwaschenes Bettlaken über dem Dorf". Dunja rupft Brennnesseln, schneidet Brombeeren zurück, schippt Schnee. Schon durch die ersten Sätzen taucht man mitten hinein in ihre Welt: "In der Nacht weckt mich wieder Marjas Hahn Konstantin. Für Marja ist er eine Art Ersatzmann." Eine Seite später beschließt Dunja, diesem Konstantin den Hals umzudrehen.

Weil Baba Dunja in ihrer Welt so zufrieden, so zu Hause ist, hat man Bronsky den Vorwurf gemacht, sie verharmlose das Leben in einer verstrahlten Zone.

Dabei ist das Leben in Tschernowo alles andere als unbeschwert: Hier wird eine Katze ohne Augen geboren, Petrow aus der Nachbarschaft "ist durchkrebst von Kopf bis Fuß", und als ein Kind unvermutet in der Nachbarschaft auftaucht, hüllt Dunja es aus Angst vor der Strahlung in knisternde Alufolie.

Baba Dunja ist eine Kunstfigur, die erfunden werden musste, gerade, weil es sie so vielleicht in Wirklichkeit nicht gibt. Die Greisin leugnet die Gefahren nicht, sondern nimmt sie in Kauf – für ein selbstbestimmtes Alter. Sie lebt in einer Todeszone, aber hat sich mit der Vergänglichkeit versöhnt. Dunja weiß: Morgen kann alles vorbei sein. Trotzdem zapft sie heute noch Birkensaft. Und die tödliche Strahlung? Man könne, meint die Großmutter, "sie nicht für alles, was blöd zur Welt kommt, verantwortlich machen". Baba Dunja, das ist Gelassenheit plus Galgenhumor.

Der höfliche Tote

Wichtiger als die Tatsache, dass der Roman in einer Todeszone spielt, ist eine zwischen den Zeilen stehende Frage, die der verstrahlte Schauplatz nur noch dringlicher macht: "Wie lebt ein Mensch mit dem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit?" Bronsky gesteht, in Sachen Alter und Tod "genauso hilflos" zu sein "wie wahrscheinlich die meisten Menschen". Hat sie Angst vor dem Tod? "Ich fürchte ihn nicht meinetwegen", sagt sie, "aber der Gedanke, jemanden zurückzulassen, der einen braucht, wäre grauenhaft."

Für Baba Dunja existieren keine Grenzen zwischen den Toten und den Lebenden. Einmal sagt sie: "Es gibt Tage, da treten sich auf unserer Hauptstraße die Toten auf die Füße. Sie reden durcheinander und merken nicht, welchen Unsinn sie erzählen." Auch Dunjas verstorbener Mann kommt noch zu Besuch. Er macht posthum Komplimente, doch die alte Dame lässt sich nicht mehr einwickeln: "Seit er tot ist, ist er sehr höflich, der Lügner."

Am Grunewaldsee wird es Zeit aufzubrechen. Akira hat es nicht mehr ans Wasser gezogen. Überhaupt, verrät die Autorin, liege sie am liebsten unter der Couch. Ein idealer "Rentnerhund" also. Für das eigene Alter wünscht sich Bronsky "Kraft und eine innere Freiheit, vielleicht der von Baba Dunja gar nicht unähnlich". Akira, die weder Badekleidung noch Bücher braucht, scheint beides zu besitzen. Der Rentnerhund lässt sich noch einmal von den Kindern erschrecken und trabt dann Richtung Auto davon.