Charlotte Roche hat es auch nicht leicht. Wer einmal einen Millionen-Bestseller wie Feuchtgebiete hingelegt hat, der wird künftig von seinem Verlag nach allen Mitteln der Kunst gemolken, damit hoffentlich noch ein paar weitere folgen. Und umgekehrt wird, wer einmal einen Millionen-Bestseller wie Feuchtgebiete geschrieben hat und dazu noch als Fernsehmoderatorin bekannt ist, als argwöhnisch beäugte Cashcow des Betriebs durch die Feuilletons gescheucht, um am Ende in der Regel damit konfrontiert zu werden, dass dieses Geschreibsel mit Literatur nicht viel gemeinsam hat.

Im Grunde bleibt Roche also nicht viel anderes übrig als: Augen zu und weiterschreiben. Das hat sie nun für ihr drittes Buch Mädchen für alles tapfer getan und dabei an ihrem Erfolgsrezept festgehalten. Wieder geht es um die gesellschaftlichen Tabus, mit denen sich heutige Frauen herumzuschlagen haben. Und wieder will Roche diese Tabus unterlaufen und auf diese Weise zur Diskussion stellen. Weil es nicht immer um Analfissuren gehen kann, nimmt Roche sich in Mädchen für alles jenem Thema an, mit dem sich derzeit einigermaßen viel Wirbel erzeugen lässt: dem Muttersein.

Darf man sagen, dass das Dasein als Mutter doch nicht so erfüllend ist, wie man es sich vorgestellt hat und wie es allenthalben propagiert wird? Darf man gar sagen, dass man die Entscheidung, Kinder bekommen zu haben, bereut? Nicht nur die israelische Studie, die vor einigen Monaten unter dem Stichwort #regrettingmotherhood durch die sozialen Medien wanderte, sondern jeder einzelne Beitrag zu diesem Thema kocht mit relativer Sicherheit binnen kürzester Zeit hoch – in Bezug auf die Zahl der Leser, vor allem aber den Erregungsgrad der Diskussion. Prima Voraussetzung für gute Verkaufszahlen.

Durchschnittsmutter

Damit die Story tragen kann, muss sich Roche eine möglichst durchschnittliche Protagonistin schaffen: die Mutti von nebenan. Umso eklatanter kann dann der Bruch mit den vermeintlich vorgeschriebenen Rollenmustern ausfallen. Christine Schneider ist, wie ihr Name schon sagt, der Inbegriff der Durchschnittlichkeit. Blöderweise ist sie nach der Geburt ihrer Tochter Mila ein bisschen aus der Form gegangen, aber das passiert uns ja allen. Immerhin aber hat sie einen in der IT-Branche gutverdienenden Mann, der noch dazu erstaunlich viel Zeit im schmuck eingerichteten Eigenheim verbringen kann, die er dann hauptsächlich damit ausfüllt, sich um die kleine Mila zu kümmern, wenn die Hunger hat oder wieder mal "knüttert".

Wir Leser lauschen derweil dem Dauergeplapper von "Chrissi", wie sie sich selbst nennt, und erfahren, wie wenig Lust sie auf ihre Tochter hat, vor allem, wenn die "knüttert", wie jämmerlich – und vielleicht sogar schwul?! – ihr Mann ist, wie gut die Espressomaschine getunt wurde und dass sie jetzt heimlich Sport macht, undsoweiterundsofort. Wenn man sich eines der unzähligen YouTube-Tutorials anschaut, in denen Hausfrauen oder blondierte Teenagerinnen Koch-, Schmink- oder anderweitige Bastelrezepte vorstellen und mit mehr oder weniger ungerichtetem Gequassel begleiten, dann hat man relativ genau den Ton von Roches Buch im Ohr.

Sieht man darüber hinweg, dass dieses Gerede ungeheuer nervt, dann ließe sich mit gutem Willen unterstellen, dass Roche einfach die Figurenrede einer durchschnittlichen Mutter konsequent durchhält. Aber selbst da hakt es schon: Dann nämlich wäre Roches Vorstellung einer Mittelschichtsmutter einigermaßen unterirdisch. Und einigermaßen mies wäre auch, eine Figur sich auf diese Weise selbst denunzieren zu lassen.

Koks im Nachttisch

Der dümmliche Ton ist das eine. Schwerwiegender ist, dass keine schlüssigen Hinweise darauf existieren, warum Chrissi sich mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter so schwer tut. Depression? Danach klingt es nicht. Überforderung scheint es auch nicht zu sein, eher ein grundsätzliches: null Bock. Das ist natürlich einerseits blöd, wenn man extra den Beruf an den Nagel gehängt hat, auf den man auch irgendwie keinen Bock hatte. Aber es ist dann eben, anderseits, rein dramaturgisch betrachtet, für einen Roman auch etwas wenig.

Vielleicht ist Roche selbst aufgefallen, dass der Boden, auf dem sie ihr gesellschaftliches Tabuthema zelebrieren will, ziemlich dünn ist. Deshalb soll es das Prinzip der Eskalation richten. Ist es im ersten Kapitel nur Wodka, den sie Chrissi auf der Hochzeit ihres Schwagers – die ungewollter Weise in ihrem Haus stattfindet – heimlich in sich hineinschütten lässt, dann drückt Roche von Kapitel zu Kapitel mehr auf die Bürgerschrecktube. Im herkömmlichen Sinne motiviert oder eingeleitet ist hier wenig, das Koks aus Chrissis Nachttischschublade taucht genauso Kai-aus-der-Kiste-mäßig auf wie der Rest von Chrissis Gelüsten. Beispielsweise die nach der neu engagierten Babysitterin. Wobei diese Lust immerhin einen gewissen Grund hat. Vater verführt Babysitterin des eigenen Kindes und alternde Hausfrau guckt dumm aus der Wäsche? Diesem Stereotyp schlägt Chrissi immerhin ein Schnippchen.

Aber stand ihr Ehemann nicht gerade noch unter Verdacht, schwul zu sein? Egal. Ebenso unerheblich war für Charlotte Roche offensichtlich, die Babysitterin als halbwegs plausiblen Charakter zu entwerfen. Die junge Studentin versorgt in ihrem Nebenjob genauso brav das Kind und jätet den Garten wie sie Chrissi, ohne den Hauch einer Irritation, die verbrühte Brust mit Bepanthen einschmiert, bevor sie dann in einem Münchner Nobelhotel weitere erotische Finessen und nicht wenige Gemeinheiten über sich ergehen lässt.