Wenn man Henning Mankell nach dem Entstehungsmythos seines legendären Kommissars Wallander fragte, dann antwortete der schwedische Autor gern, Wallander sei ein ungeplantes Kind. Eines indes, das seinen Weg gemacht hat: Mit Auflagen in Millionenhöhe und in zahlreichen Verfilmungen hat der stets in Zweifel und Melancholie gehüllte Ermittler seinem Erfinder zu Weltruhm verholfen. Und es ist sicherlich nicht nur eine Hoffnung zu sagen, dass sich durch Wallander auch Mankells Utopie vom Schreiben ein Stück weit erfüllt hat: vielleicht nicht die Welt, aber immerhin doch das Denken über diese ein wenig zu verbessern.

Wallanders Geburtsstunde fällt in das Jahr 1989. Henning Mankell kam nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Afrika in sein Heimatland Schweden zurück und war entsetzt über ein bisher nicht gekanntes fremdenfeindliches Klima. Mit seinem ersten Wallander-Roman wollte Mankell dem Ressentiment etwas entgegensetzen. Und plötzlich merkte Mankell, dass er mit Wallander eine Figur erschaffen hatte, die ein ideales Medium war: ein Beobachter der schwedischen Gesellschaft und der Gegenwart überhaupt. Ein Analyst der Verhältnisse, der immer ein wenig abseits steht und so die Zusammenhänge offenlegen kann, der aber eben in seinem Hadern mit den Zuständen der Welt und des eigenen Lebens ein Sympathieträger ist. Im Grunde ein altes Prinzip, wie man es schon aus den antiken Tragödien kennt. Das Verbrechen wird zum Anlass, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. In der Gegenwart funktioniert dieser Kniff, wenn eine Figur wie Wallander – in allen Belangen das Gegenteil eines Helden – die Menschen zum Weiterlesen animiert.

Als das Wallander-Manuskript drei Jahre später auf dem deutschen Buchmarkt angeboten wurde, brannten in Rostock gerade Flüchtlingsheime. Ein großer deutscher Verlag lehnte das Buch zunächst ab: In dieser ohnehin aufgeheizten Situation müsse man nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Unter dem Titel Mörder ohne Gesicht erschien das Buch im Jahr 1993 schließlich doch.

Von der Mutter ungeliebt

Nicht nur, weil Henning Mankell seinem Ermittler zumindest vom Alter her ähnelt, sind immer wieder Vergleiche zwischen Autor und Kommissar gezogen worden. Vielleicht hat Mankell mit seiner Formel vom "ungeplanten Kind", ob nun bewusst oder unbewusst, die wesentliche Ähnlichkeit selbst benannt.

Henning Mankell, 1948 in Stockholm geboren, war, wenn auch kein ungeplantes Kind, wohl aber eines, das in frühen Jahren auf schmerzhafte Weise erfahren musste, was es bedeutet, ein ungewolltes Kind zu sein. Als Mankell ein Jahr alt war, ließen sich seine Eltern scheiden, Mankell wuchs bei seinem Vater, einem Richter, und der älteren Schwester auf. Über eine spätere Begegnung mit seiner Mutter, in der sich ihre nicht vorhandene Bindung zu ihren Kindern zeigte, hat Mankell in Gesprächen mitunter berichtet. Fünfzehn Jahre alt sei er gewesen, als er sie in einem Restaurant getroffen habe. Zur Begrüßung habe seine Mutter nur angemerkt, der Sohn solle ihr nicht zu nah kommen, sie sei erkältet.

Womöglich wäre es anmaßend zu behaupten, dass die Kälte und Beziehungsunfähigkeit der Mutter einer der Motoren gewesen sei, die Henning Mankell zeitlebens angetrieben haben. Aber bewundernd feststellen lässt sich immerhin, dass ihn diese Erfahrungen nicht aus dem Tritt gebracht haben. In all seinen Büchern – und beinahe will man bei einem Vielschreiber wie Mankell von unzähligen sprechen – und in seinen Arbeiten für das Theater genauso wie in seinem öffentlichen Engagement war es stets das Gegenteil, für das er einstand: für Wärme und das Stiften von Beziehungen. Das konnten zunächst einmal auch nur gedankliche Beziehungen sein. Das Verstehen fremder Kulturen war Mankell die Grundlage dafür, sich mit Respekt zu begegnen.