ZEIT ONLINE: Haben Sie je eines Ihrer Bücher auf Deutsch gelesen?

Richard Ford: Nein. Ich habe versucht, Deutsch zu lernen, als ich in den neunziger Jahren an einem Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin teilnahm. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese Sprache intelligenter ist als ich.

 

ZEIT ONLINE: Wenn eines Ihrer Bücher in eine andere Sprache übersetzt wird, ist es dann noch Ihres?

Ford: Es gäbe viele Arten, darauf zu antworten. Lassen Sie es mich so versuchen: Nein, meiner Meinung nach nicht ist es dann nicht mehr mein Buch. Sondern ein Buch, das der Übersetzer mit der Hilfe meines Buches geschrieben hat. Wobei ich aber betonen möchte, dass ich damit nichts gegen Übersetzer sagen will – ganz im Gegenteil, ich sage das, um die Leistung des Übersetzers hervorzuheben: Ich vertraue ihm mein Buch ja an. Mein Buch aber gibt es nur auf Englisch, oder genauer gesagt in amerikanischem Englisch. Wenn es das Buch außerdem auf Deutsch gibt, dann, weil ein ausgesprochen fähiger und kunstvoller Übersetzer etwas ganz Ähnliches gemacht hat wie ich, als ich das Buch geschrieben habe. Nur dass der Übersetzer es auf Deutsch gemacht hat. Es geht ja nicht nur darum, gleichbedeutende Wörter zu finden – manchmal muss der Übersetzer Witze erfinden, die für die deutschen Leser funktionieren, wenn die amerikanischen Witze für Deutsche unwitzig wären. Das ist eine hochkreative Sache. Aber ich selbst bin eben kein Deutscher.

ZEIT ONLINE: Brauchen wir alle einen Übersetzer, um zu sagen, was wir zu sagen haben?

Ford: Ich denke ja. Und Literatur kann als so ein Übersetzer funktionieren. Wir alle sind unendlich einsam. Das Größte, was ein Mensch in seinem Leben erreichen kann, ist es, einen anderen Menschen wirklich kennenzulernen. Wissen Sie, ich lebe jetzt seit 51 Jahren mit meiner Frau zusammen, aber wenn sie am Abend ihren Kopf auf das Kissen neben mir legt, weiß ich nicht, was darin vorgeht. Das macht mir schon zu schaffen.

ZEIT ONLINE: Hermann Hesse sagte: "Seltsam, im Nebel zu wandern! / Leben ist Einsamsein. / Kein Mensch kennt den andern, / Jeder ist allein."

Ford: Er scheint das wirklich geglaubt zu haben, so wie er schrieb. Aber er hatte leider nur halb recht: In der Tat wandern wir im Nebel – und doch kennen wir einander. Nur eben nicht auf die gleiche Weise, wie wir uns selbst kennen. Aus uns selbst herauszugehen, echte Empathie zu zeigen, ist sehr schwer.

 ZEIT ONLINE: Kennen Sie ein Wort, das für alle Menschen und überall auf der Welt die gleiche Bedeutung hat?

Ford: Fuck.

ZEIT ONLINE: Nicht Liebe?

Ford: Nein, Fuck ist viel universeller als Liebe. Jeder versteht unter Fuck dasselbe. Japaner, Kanadier, Deutsche, Inder. Jeder.

ZEIT ONLINE: Ihre Diktion ist sehr reduziert, Sie verzichten in Ihren Büchern auf Adverbien, wo es nur geht. Suchen Sie in dieser Reduktion einen universellen Sound?

Ford: Ich bin nicht gerade verrückt nach Adverbien, das stimmt. Adverbien klappern hinter dem Verb her. Schriftsteller benutzen Adverbien, wenn sie es beim Verb nicht ganz getroffen haben und das dann im Nachhinein besser machen wollen. Das klappt meistens nicht wirklich. Außerdem nehmen sie dem Gesagten die Wucht, machen es weich – denken Sie nur an die verniedlichende Wortendung –ly im Englischen. 

ZEIT ONLINE: Wir treffen uns in Berlin. Bitte beschreiben Sie diese Stadt, ohne Adverbien zu benutzen. 

Ford: Ich weiß nicht genug, um das zu tun.

ZEIT ONLINE: Haben Sie während Ihres Aufenthalts in Berlin etwas gesehen, von dem Sie denken, es sei typisch deutsch?

Ford: Ich denke nicht in solchen Kategorien. Deutschland, deutsche Kultur oder Sprache kann ich nur im Besonderen erkennen, nicht im Allgemeinen. Das Typische – das ist grundsätzlich keine Kategorie, in der ich denke. Sie langweilt mich.

ZEIT ONLINE: Wenn Bob Dylan auf Tour ist, unternimmt er nachts Fahrradtouren durch die Städte, um sie kennenzulernen. Wie kommen Sie in Berührung mit dem Ort, an dem Sie sich befinden?

Ford: Zunächst einmal: Ich halte diese Fahrradtour-Geschichte für Quatsch. Das macht doch niemand, nicht mal Dylan. Was mich anbelangt: Ich mag es überhaupt nicht, ein Tourist zu sein. Ich mag die Dinge nicht, die Touristen vorgespiegelt werden. Meine einprägsamsten Erinnerungen in Berlin habe ich gemacht, als ich in den Neunzigern hier lebte. Das waren Berlin-Erfahrungen, nicht eine Erkenntnis von etwas typisch Deutschem. Ich glaube ohnehin, Deutschland gibt es nur als Idee, ebenso wie Amerika. Berlin hingegen gibt es auf konkretere Weise. Ich habe bildhafte Erinnerungen im Kopf, die U-Bahn-Trasse an der Uhlandstraße etwa oder die Paris Bar in der Kantstraße. Es ist mir durchaus bewusst, dass ich damit nicht zum inneren Kern dieser Stadt vordringe. Aber das ist mir auch nicht wichtig. Wichtig ist mir, dass ich mich an etwas erinnere, das vielleicht einmal zum Teil einer Story werden kann. Das ist es, was für mich zählt.

ZEIT ONLINE: Am Checkpoint Charlie, unweit des Verlags Hanser Berlin, wo Ihre Bücher erscheinen, lassen sich Touristen mit als Soldaten verkleideten Schauspielern fotografieren, man kann mit einem Segway den Todesstreifen entlangfahren und bei McDonald’s zu Mittag essen. Ein Schauplatz des Kalten Krieges ist zu einer Art Disneyland geworden.

Ford: Das ist Kitsch. 

ZEIT ONLINE: Finden Sie das lustig oder traurig?

Ford: Es ist abstoßend! Dort sind Menschen gestorben, und das vor nicht allzu langer Zeit. Die Jungs, die da jetzt im Soldatenkostüm stehen und für die Touristen lachen, waren jedenfalls schon geboren. Diese Menschen, die da starben, hatten nur ein Leben, und das ist ausgelöscht worden. Es ist also wirklich abstoßend.

ZEIT ONLINE: Einige dieser kostümierten Jungs arbeiten nachts, in ihrem Zweitberuf, als Stripper. Ist das Material für eine Short Story?

Ford: Nein, nicht wirklich. Obwohl: Sind diese Jungs Amerikaner oder Deutsche? In einerShort Storywürde ich es vielleicht so machen, dass der eine Amerikaner ist und der andere Deutscher. Wissen Sie, als ich heute Morgen, auf dem Weg vom Hotel zu Verlag, am Checkpoint Charlie vorbeiging und diese Typen sah, wusste ich sofort, dass sie Schauspieler sind. Für die Art, wie sie salutieren, würden sie im US-Marine-Corps sofort eine aufs Maul bekommen. (Lacht.)

ZEIT ONLINE: Herrscht an diesem historischen Ort eine derart aufgekratzte Albernheit, weil die Menschen sich um keinen Preis an den Krieg erinnern wollen?

Ford: Es geht doch auch dort nur ums Geld, auch wenn es nicht viel sein kann. Wie viel mögen diese Jungs für ein Foto bekommen? Zwei Euro? Und für diese zwei Euro erkaufen die Touristen sich das Recht, fröhlich die Geschichte zu ignorieren. Schon zwei Euro korrumpieren den Sinn für Geschichte.