Zu den rätselhaften Phänomenen der Literatur gehören die BestsellerWarum ist gerade dieses Buch erfolgreich? Wieso stehen Menschen in Buchläden dafür Schlange? Was hat es, was andere nicht haben? In unserer Kolumne "Die kommentierte Ausgabe" suchen wir regelmäßig eine Erklärung.

Als vor gut einem Jahrhundert die Leuchtreklamen der Kinos die Städte zu illuminieren begannen, verlief zeitgleich ein Wandel nicht nur des Arbeitsmarktes, sondern vor allem der Rolle der Frau auf diesem Markt. Genauer gesagt: Frauen erhielten überhaupt erst eine Rolle, konnten ihr Geld fortan auch selbst verdienen und waren weitaus weniger auf einen treusorgenden Ehemann angewiesen.

Über die mentale Verfasstheit der neuen weiblichen Angestellten ist – unter anderem von Siegfried Kracauer – seinerzeit viel geschrieben worden, glaubte man doch an der neuen Schicht der berufstätigen Frauen Aufschlussreiches über den Zustand der Gesellschaft insgesamt ablesen zu können. Nicht nur die Sphäre der Werktätigkeit wurde dabei in den Blick genommen, sondern genauso auch deren Konterpart: die Zerstreuung. Und hier sind wir wieder beim Kino.

In seinem Essay Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino aus dem Jahr 1928 erklärt Siegfried Kracauer die kinematographische Unterhaltungsliteratur seiner Zeit zum "Spiegel der bestehenden Gesellschaft". Zu Spiegeln würden die Filme nicht etwa durch einfachen Realismus, sondern dadurch, dass sie die Tagträume der Menschen abbildeten. "Je unrichtiger sie die Oberfläche darstellen", befindet Kracauer, "desto richtiger werden sie, desto deutlicher scheint in ihnen der geheime Mechanismus der Gesellschaft wider. Es mag in Wirklichkeit nicht leicht geschehen, daß ein Scheuermädchen einen Rolls Royce-Besitzer heiratet; indessen, ist es nicht der Traum der Rolls Royce-Besitzer, daß die Scheuermädchen davon träumen, zu ihnen emporzusteigen?"

Wer die Botschaften der Unterhaltungsindustrie zu deuten vermag, der begreift, wie die Gesellschaft im Innern tickt, auch wenn sie nach außen etwas anderes von sich behauptet.

Gute Unterhaltungsliteratur bedient ganz ähnliche Bedürfnisse wie das unterhaltende Kino. Das ist nicht sonderlich überraschend. Durchaus überraschend ist indes, dass man mit Blick auf den aktuellen Buchmarkt feststellen kann, dass sich beinahe hundert Jahre nach Kracauer die Tagträume der Gesellschaft nicht sonderlich gewandelt zu haben scheinen, allen voran die ihrer Bewohnerinnen. An den Romanen der 1969 in London geborenen Jojo Moyes, die regelmäßig und derzeit gerade wieder einmal an die Spitzen der Bestsellerlisten stürmen, lässt sich das beinahe überdeutlich ablesen. Dafür genügt schon ein Blick auf die Cover von Ein ganzes halbes Jahr, Weit weg und ganz nah oder Moyes neuester Veröffentlichung Ein ganz neues Leben.

Allenthalben und allerorten wird heute über Emanzipation, Gleichberechtigung, Frauenquote, gerechte Aufteilung der Elternzeit und des Haushalts debattiert. Sollte man da nicht annehmen, der Tagtraum unserer Gesellschaft müsse genau dies abbilden: die starke, unabhängige Frau? Das Gegenteil aber ist der Fall. Die Frau, wie wir sie auf den Covern von Moyes sehen, ist ein zierlicher, schwarzer Schattenriss. Die Welt, die diese schwarze, gesichtslose Gestalt umgibt, ist bunt und blumig.

Irrsinnig hübsch, irrsinnig stark

Das Bild, das durch diese Cover vermittelt wird, könnte die Inhalte der Romane kaum besser wiedergeben: Sie erzählen von Frauen, mit denen es das Leben nicht sonderlich gut meint, weder in finanziellen noch in amourösen Angelegenheiten, die sich aber mit unerschütterlicher Lebensfreude einrichten in ihren kleinen Miseren. Das Leben dieser Frauen ist düster, erbärmlich im Grunde, aber bei alledem verlieren sie nicht den Blick für die bunt schillernde, hoffnungsfrohe Welt drumherum.

Unverwüstlich und gutgelaunt machen diese Damen das Beste aus ihrem Schicksal. Ohne etwas an den grundsätzlichen Verhältnissen ändern zu wollen, versteht sich. Das wäre ja auch fatal, weil dann ihr ganzes Selbstbild über den Haufen geworfen worden wäre: das Bild der zerbrechlichen, aber starken, sicher irrsinnig hübschen (man sieht es bloß leider nicht, weil die Umstände es nicht zulassen, beziehungsweise die Silhouette eben schwarz ist) Frauengestalt, die sich grazil durchs Leben bewegt, auch wenn sie in einem ungemütlichen Flughafenbistro jobben und abends allein Supermarktwein trinken muss.

Herrlich auch der Buchtrailer zum jüngsten Roman, in dem die schwarze Frauensilhouette einen anmutigen Tanz vor einer Naturkulisse darbietet und dabei auch noch den Plot des Vorgängerromans Ein ganzes halbes Jahr in wenigen Sekunden nachtanzt. Kann der Märchenprinz, der das Aschenputtel erlösen wird, bei diesem Anblick anders, als in Verzückung zu geraten, so wie dereinst der Rolls Royce-Besitzer angesichts des Scheuermädchens?

So oder so: Die Zeit, bis der Prinz auch im wahren Leben angaloppiert kommt, vertreibt man sich am besten mit dem Lesen von Romanen, die von einer Autorin geschrieben wurden, deren Leben sich ebenfalls als Erlösungsgeschichte eines armen Mädchens lesen lässt. In einer ziemlich rauen Gegend sei Moyes aufgewachsen, liest man in jeder Kurzbiographie, dazu sei sie noch Einzel- UND Scheidungskind. Nachdem ihre Romane Millionen eingespielt haben, lebt die Moyes mit Mann und drei Kindern mittlerweile auf einem idyllischen Bauernhof. Wie wunderbar, dass Literatur also doch noch Erlösung garantiert.