Zu spät, zu spät, wie immer zu spät. Der Airbus aus Brüssel landete unpünktlich, der Taxifahrer navigierte sich in die Irre, und als er auch noch zögerte, in die Zufahrt zum Haus abzubiegen, stieg ich auf der Straße aus, holte das Gepäck aus dem Kofferraum, knallte die Klappe zu. Der Typ fuhr weiter, anstatt zu wenden, fuhr blind in Richtung Nordsee. Mann!

Ich stapfte durch den Matsch. Mein Schuhwerk war zu elegant, der Koffer voller Geschenke zu schwer. Auf beiden Seiten Eichen mit letztem Laub, darüber der Nachthimmel. Einige Sterne schienen ins Haus meiner Eltern gestürzt zu sein, sie glühten in den Fenstern. Kurz vor dem Grundstück die Brücke über den Bach. Dort blieb ich stehen, blickte aufs Wasser und stutzte: Strömte es in die entgegengesetzte Richtung? Ich rieb mir die Augen, ging weiter, nun auf Blaubasalt, stand endlich vor der Haustür, die sich in einem auf Säulen ruhenden Vorbau verbarg. Sie tat sich auf, und meine Schwester stand vor mir, sie rief: "Carl! Du bist spät dran." Dann über die Schulter: "Carl ist da!"

Ein Taubenschlag war nichts im Vergleich mit der Diele, in der die festlich gedeckte Tafel stand. Alle umschwirrten mich, zwitscherten, gurrten, kolkten, krächzten.

Henning Ahrens, geboren 1964 in Peine, veröffentlichte die Lyrikbände „Stoppelbrand“, „Lieblied was kommt“ und „Kein Schlaf in Sicht“ sowie die Romane „Lauf Jäger lauf“, „Langsamer Walzer“, „Tiertage“ und zuletzt „Glantz und Gloria“, für den er mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. © Jürgen Bauer


"Ja, Mensch!"

"Warum so spät?"

"Immer noch tote Hose in Brüssel?"

"Wo ist deine Frau?"

Meine Mutter zerrte, die Nichten zupften, der Neffe plärrte, und meine Geschwister musterten mich skeptisch, weil sie wussten, dass ich imstande war, die Feststimmung zu verderben, wenn es mich juckte.

"Rita ist in der Karibik", sagte ich.

"Oh! Karibik! Ah!"

"Muss man sich erst mal leisten können."

"Ach, komm, zu Hause ist es auch schön."

Sturmangriff auf die Suppe

Sie wussten, dass meine Frau über Weihnachten ihre Familie in Puerto Rico besuchte, verbanden die Karibik aber wie aus Trotz mit Urlaub. Ich fragte: "Wie geht es Vater?"

"Ist oben", antwortete mein großer Bruder. "Sinnlos, hochzugehen. Er würde dich eh nicht erkennen. Wir bringen ihm später ein Stück Gans."

"Habt ihr bemerkt, dass der Bach in die entgegengesetzte Richtung fließt?"

"Was?"

Meine Geschwister waren sesshaft, lebten immer noch hier in der Marsch. Eigentlich praktisch, denn so waren unsere Eltern im Alter nicht allein. Von oben sah ich den Weihnachtsbaum in der Stube, durch die Küchentür meine Mutter am Herd. Dann betrat ich das Zimmer meines Vaters. Er saß im Sessel, die Beine ausgestreckt, und blickte ins Leere oder auch in die Vergangenheit, denn seine letzten Lichtblicke galten der Kindheit, alles Übrige war im Dunkel der Demenz versunken. Ich strich über seine Haare, ergriff seine Hand, sprach ihn an. Keine Reaktion. Schließlich, ich stand schon wieder in der Tür, flüsterte er: "Alles ist gestern ..."

Es tat weh, ihn so zu erleben. "Der Bach fließt jetzt andersherum", erzählte ich, doch er blieb stumm. Mein Vater war Landkreisbeamter gewesen, linksliberal und politisch wach, hatte auch versucht, uns in diesem Sinne zu erziehen, aber nur ich war in seine Fußstapfen getreten, jedenfalls in gewisser Weise – ich lebte in Brüssel, war im diplomatischen Dienst tätig und mit einer Frau verheiratet, die von meinen Geschwistern äußerlich akzeptiert, insgeheim aber beargwöhnt wurde. Ein weiterer Grund für Rita, Weihnachten in der Ferne zu feiern.

"Die Suppe!", rief meine Mutter und feuerte einen Blick auf mich ab. Zu spät, zu spät, wie immer zu spät. Unten liefen alle durcheinander. Als Vorbereitung auf die Stammhalter-Gala quälte mein Neffe die Flöte, die Nichten miauten und maunzten.

"Schluss jetzt. Setzen", befahl Bodo, mein großer Bruder.

Wer von Euch hat den Teppich eingesaut?

Als ich am Tisch saß, erfasste mich das Gefühl zum ersten Mal: Der Raum schien nach Steuerbord rucken zu wollen, schwang zur Seite und wieder zurück. Ich senkte den Blick auf den Eierstich, um mich einzupendeln. Kreislaufprobleme?

"… bescheret hast."

Danach das Amen. Ich schwieg. Mein Schwesterchen starrte mich an. Wer aus der Reihe tanzte, war nicht wohl gelitten; wer ausscherte, galt als arrogant; man unterstellte dem Betreffenden, etwas Besseres sein zu wollen. Diese ewige deutsche Angst vor der Abweichung. Kein Wunder, dass Uniformen in diesem Land so beliebt gewesen waren. Mein Bruder reckte das Glas, rief: "FRHLCH WHNCHTN!" Der Rest der Familie rief: "ÖIE EIAE!" Ich sah sie ratlos an. 

Es folgte der Sturmangriff auf die Suppe.  

Das Haus war von den bäuerlichen Vorfahren meiner Mutter erbaut worden. Mein Vater stammte aus einer Beamten- und Pastorenfamilie. Diese Herkunftswelten hatten nie ganz harmoniert, und meine Mutter, so schien mir, hatte sich als Kompensation zu sehr auf ihre Brut konzentriert. Sie saß am Kopfende und ließ den Blick halb stolz, halb scheu über Kinder und Enkel, Schwiegersohn und -tochter gleiten. 

Der Löffel meines Bruders klirrte auf den Teller. "Biegt ihr in Brüssel immer noch Bananen gerade?", fragte er mich.

"Ich bin nicht bei der EU."

Er schnaubte. Sie wussten mit mir genauso wenig anzufangen wie mit Rita, überspielten ihr Unverständnis für meinen Beruf mit Herablassung. Nervig, aber unabänderlich.

"Ist die Gans jetzt tot, Omi?", fragte mein Neffe, der seinen Löffel durch die Suppe zog.

"Aufessen, Harald", mahnte meine Schwägerin.

"Das heißt 'gebraten'", sagte eine seiner Cousinen.

"Du bist ja so doof", ergänzte die andere.

"Wer von euch", fragte meine Schwester, "hat den Teppich eingesaut?"