Die amerikanische Schriftstellerin Alexandra Kleeman hat, das wird während der Lektüre ihres Romans schnell klar, großen Spaß an Kippbildern und optischen Tricks. Auf einer Seite ihres Debüts ist diese berühmte Zeichnung abgedruckt, bei der man nie weiß, ob das jetzt zwei Gesichter sind, die sich anschauen, oder ein Kelch. Man findet das zuerst schwierig und ein bisschen M.C.-Escherhaft. Aber dann erscheint es wiederum genau richtig. Denn A wie B und C zu lesen, ist, als betrachte man viele, ziemlich elaborierte Rubinsche Vasen.

Dass Kleemans Protagonisten ausgerechnet wie Variablen heißen, mag eine elegante Verlegenheitsgeste sein, um eine umständliche, mitunter peinliche Namenssuche zu vermeiden. Die Nicht-Namensgebung verstärkt aber in diesem Fall den Eindruck, den die Figuren A, B und C ohnehin hinterlassen: Leicht zu verwechseln, kaum existent, eben ein Buchstabe von der Selbstauflösung entfernt. Wo und wann das alles genau spielen soll, ist auf eine gute Weise unklar. USA, Sommer, sichere Nachbarschaft. Das muss reichen. Was soll das sein? Coming of Age? Horror? Dreiecksgeschichte? Man traut sich kaum, aber die "gängigen Genrebegriffe" versagen.

Die 29-jährige Alexandra Kleeman stammt aus Boulder in Colorado, lebt aber seit einiger Zeit in New York. Die nüchterne Sprache und den überreflexiven Blick teilt Kleeman mit dem Autor Tao Lin, der mit Taipeh sehr nah daran herankam, was es heißt, genau jetzt jung zu sein. Allein die Drogen und New York als Schauplatz fehlen. Und auch mit Internetreferenzen (es sind genau drei) ist Kleeman sparsam. Stattdessen ist es der Fernseher, der hier noch einmal als alles bestimmendes Medium in einer durchschnittsamerikanischen Wohnung vor sich hin läuft und sich mit dem Surren der Klimaanlage überlagert: "Wir guckten Sendersuche, wenn wir aufgebracht oder traurig waren, denn es war, als würde man viele Dutzend kleiner Bindungs- und Verlusterfahrungen machen, denen man vielleicht zuvorkommen, die man jedoch definitiv nicht vermeiden können würde."

So schildert A, die Ich-Erzählerin in dieser Geschichte, über das, was sie mit B, ihrer Mitbewohnerin, den ganzen Tag macht. Fernsehen und dabei möglichst wenig: essen. Wollte man A und B "auf eine Liste Adjektive reduzieren", bemerkt A, dann würden es wohl dieselben sein. B ist die anorektischere, anhänglichere und unselbständigere ("Sie borgte sich praktisch alles, obwohl ihre Eltern drei Autos und ein Pferd besaßen und ihr jeden Monat einen Scheck für die Miete schickten") der beiden, während A den bemutternden, aber zunehmend genervten Part gibt. Gut situiert und chronisch unterernährt, nehmen sie Bs Leibspeise zu sich: Wassereis und Zitronenwodka. Wassereis, weil es schön bunt ist und sich die Kalorien, je ambitionierter man isst, beinahe selbst neutralisieren. Wodka, weil ihn irgendjemand vor langer Zeit im Eisfach vergessen hat.

A wie B und C ist eine Geschichte in der die Hauptfiguren essgestört sind, das bedeutet aber nicht, dass es unbedingt ein Buch über Essstörungen ist. 

Die soziale Dynamik der beiden, die ein Abhängigkeitsverhältnis in zwei Richtungen ist, wird schnell feindlich. B verwandelt sich äußerlich zunehmend in eine Version von A, die dadurch in eine Identitätskrise gerät, die man in diesem Fall wirklich existentiell nennen darf. Spätestens hier funktioniert auch Kleemans Trick mit den austauschbaren Platzhalternamen. Paranoid versucht A bald jeden Kontakt mit B zu meiden. 

As Freund C, Grafikdesigner mit dem Habitus eines Schalterbeamten, ist dagegen ein vernünftiger und aufgeräumter Mensch, der in seiner Vernünftigkeit und Aufgeräumtheit natürlich auch etwas ausgesprochen Unangenehmes hat. Auf As zunehmende Doppelgänger-Angst sagt C Sätze wie: "Betrachte dich als Franchise, wie Coffee Hole oder wie Wally's. Mehr Filialen bedeuten einfach nur größere Reichweite." Was As unablässige Suche nach äußerlichen Alleinstellungsmerkmalen in keiner Weise bremst. Es kommt vor, dass sie sich Cs Mund küssend als anatomisches Schaubild aufruft, darin ablaufende Enzymreaktionen imaginiert und am Ende des Tages "das Minus an eingebüßter Strahlkraft anhand des Grautons meiner Haut, ihrer Mattigkeit, dem verschmierten, ungleichmäßigen Schwarzblau um mein linkes Auge und diverser roter Flecken, die vom Reiben meines Gesichts an Cs von Stunde zu Stunde an Länge und Borstigkeit zunehmenden Bartstoppeln stammten", berechnet.